Freitag, 5. Februar 2016

Vorfreuden für zwischendurch










Sonntag, 10. Januar 2016

Sneak Peek - Die Mitte der Welt

Ich lasse den - von mir schon gesichteten und für Neun-von-Zehn-Punkten befundenen - dritten Rico-Film ungern ins Hintertreffen geraten, aber ich gestehe offen: Mit bereits zwei Ricos im Rücken war ich inzwischen ein wenig gespannter auf die Spielfilmadaption von Die Mitte der Welt. Weshalb ich mich an dieser Stelle zu Rico, Oskar und der Diebstahlstein etwas später äußern werde.

Die Mitte der Welt also: Eben habe ich mir die 110 Minuten des Rohschnitts angeschaut. Es stehen noch die üblichen Farbkorrekturen aus, das Sounddesign, einige visuelle Effekt sind gerade in der Mache, und die Musik war oft mehr von Platzhaltern bestimmt als vom späteren originalen Soundtrack; aktuell werden da noch Rechtefragen geklärt. All dessen ungeachtet kann ich jetzt schon behaupten, dass der Film ganz phantastisch geworden ist. You hear me? GANZ UND GAR PHANTASTISCH! Ich bin glücklich und begeistert und sehr, sehr froh; man weiß ja vorher nie – nicht wahr, Forrest? –, was man kriegt. Für meine Begeisterung habe ich Zeugen: Brüderchen Dirk und sein Schnucki haben mitgeschaut. Beide sind genauso hingerissen wie ich.



Jakob M. Erwa, der nicht nur Regie führte, sondern auch fürs Drehbuch verantwortlich zeichnet, hat es geschafft, den im Buch bewusst zeitlos gehaltenen Stoff wie mühelos in die Gegenwart zu holen – und Kinners, ich bin selber Autor: Nichts ist so verdammt anstrengend wie Mühelosigkeit. Jakobs Eingriffe machen sich sprachlich bemerkbar, in der Ausstattung, in den Kostümen und in der Inszenierung (Smartphone-Chats werden zum Beispiel im laufenden Bild eingeblendet, kleine Reminiszenz an den von mir verehrten Sherlock, oder wo auch immer dieses hübsche Mittel erstmals eingesetzt wurde). Ändert dies (wie ich nicht besonders heimlich befürchtet hatte) irgendwas am Inhalt oder an den Figuren? Mitnichten. In Die Mitte der Welt ist alles drin, drum und dran, was mir wichtig ist und was Fans des Romans erwarten werden. Oder fast alles: Rückblenden in die Kindheit von Phil und Dianne finden nur mit ihnen sowie Glass als handelnden Personen statt, auf alle Nebenfiguren wurde verzichtet. Geht auch nicht anders, der Film sollte ja nicht die Fortsetzung von Krieg und Frieden werden.

Ich werde zum Kinostart im Sommer nochmal was Längeres schreiben. Dann kann ich mich auslassen über das clever konstruierte Drehbuch, den inszenatorischen Mut, über die phantastische Kameraarbeit, die so sorgfältige Ausstattung, das (wirklich) grandiose Licht … und über die Schauspieler. Die wunderbaren, wunderbaren, wunderbaren Schauspieler!

Happy!
LZ

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Heiligabend






Frohe Weihnachten!





Mittwoch, 23. Dezember 2015

Sterne und Trabanten (2)

Die Keimzelle zu Wenn mein Mond deine Sonne wäre bildete das Musikstückchen Der Mond über den Wiesen aus Prokofjews kleinem Orchesterwerk Ein Sommertag (op. 65). Nahezu alle meine Bücher entstehen aufgrund eines plötzlichen Bildeindrucks; hier war es der von einem riesigen hellen Mond über einem dunkel gesäumten Tannenwald; ein kleiner Junge hastet vor dem Wald von links nach rechts durchs Bild. Und dieser Junge sah – ebenso Wald, Himmel, Mond – haargenau so aus, als entstammte er einer Zeichnung von Jean-Jacques Sempé. Ich liebe Sempé, seit ich als Kind den von ihm illustrierten Kleinen Nick kennen lernte. Mir gefällt sein klarer, leicht reduzierter Strich. Vor allem aber gefällt mir Sempés zurückhaltender Umgang mit Farben, die nie aufdringlich wirken, weil sie dazu viel zu blass sind, selbst wenn sie kräftig erscheinen. So etwas wollte ich für mein neues Buch: ein Sempé-Kind vor einem Sempé-Wald, der dunkel war und dennoch transparent, und einen Sempé-Mond ganz hell, aber nie durchsichtig.


Sempé (Jahrgang 1932) weilt noch vergnügt unter den Lebenden, dürfte aber weder auf Prokofjew noch auf Steinhöfel warten, um mal wieder was zu tun zu haben. Doch meine Ansage an den Verlag war gemacht: Ich hätte gern… Und der Verlag (namentlich die wunderbare Sabrina Janson) zauberte Nele Palmtag aus dem Hut. Meine allumfassende Unkenntnis deutscher Autoren und Illustratoren ist fast schon legendär, diese Palmtag sagte mir also nichts. Aber ich guckte nach, zum Beispiel beim bebilderten Interview hier, und dachte, na ja, transparent genug kann sie ja, ansonsten aber ist ihr Stil mir etwas zu … füllig? Kleinteilig? Zu viel Bunt und Schraffur bei zu wenig einfarbiger Fläche?


Es war, wie sich herausstellen sollte, zu sehr alles, was ich jetzt an Wenn mein Mond deine Sonne wäre schätze und liebe und nie wieder hergeben würde. Die Palmtag ging dabei raffiniert vor (womöglich hatte die Janson sie instruiert): Kaum war mein zögerliches Okay, sie kann es ja mal versuchen gegeben, verschwand sie für sechs Monate völlig aus meiner Wahrnehmung, so dass ich das Buch einfach vergaß, man hat ja noch mehr zu tun. Um mir dann unangekündigt ein PDF mit allen Bildern zu schicken, das mich völlig überrumpelte. Völlig überrumpelt heißt: Ich gucke da rein und fang an zu heulen, weil das von Nele Erschaffene einfach so schön ist, so passend zum Text, noch passender zum Subtext, so stark in seiner Symbolkraft, so überlegt und so voller Verständnis für den kleinen Helden der Geschichte.



Ich habe Nele nie nach ihrem Honorar gefragt, hoffe aber, dass der Verlag für ihr himmelviele Arbeit ordentlich was hat springen lassen – jeder weiß, wie unverschämt beschissen Illustratoren in der Regel entlohnt werden. Aber ein Teil des Lohns ist das, was entstanden ist, und persönlich werde ich Nele ewig dankbar sein für die perfekte Umsetzung einer Geschichte mit Musik, die nun ohne ihre Bilder gar nicht mehr denkbar ist.

(Ein langes Gespräch zwischen Nele und mir kann man hier anhören; eine schöne Besprechung des Buches findet sich hier.)
LZ

Freitag, 4. Dezember 2015

Sterne und Trabanten (1)

Ohne die Hartnäckigkeit des Herrn L. hätte Wenn mein Mond deine Sonne wäre nie das Licht der Welt erblickt. Der Herr L. betreut beim SWR Young Classix, eine Sendereihe, die jungen Zuhörern den Spaß an klassischer Musik nahe bringt. In Ausübung dieser Tätigkeit belagerte der Herr L. mich über Jahre hinweg mit der immer gleichen Anfrage: Ob ich nicht Lust habe, ihm etwas Hübsches zu schreiben, nämlich einen auf ein paar Sahnestückchen klassischer Musik abgestimmten Text. Und jahrelang vertröstete ich Herrn L. auf das Jahr darauf – nicht etwa, weil mir sein Vorschlag nicht gefiel (der gefiel mir sehr gut), sondern weil ich mit den zur Auswahl stehenden Komponisten wenig anzufangen wusste.

Ob Buch, ob Film oder Musik: Für Kinder soll ja immer lustig sein, heiter und positiv, und wenn's geht noch mit einem gewissen Niedlichkeitsfaktor versehen – wie man sich das Kind als solches halt so vorstellt. Später, wenn dem zur allumfassenden Heiterkeit erzogenen Kind das Leben dann zum ersten Mal ordentlich in die Hacken tritt, kann man ein Foto davon machen, wie erschreckt und überfordert davon es dreinschaut. Das Foto stellt man bei Facebook ein und schreibt selbstanklägerisch darunter, man habe es damals nur gut gemeint; davon abgesehen sei es aber auch gar nicht so, als habe man nicht alles probiert, um das undankbare Gör auf den Ernst des Lebens vorzubereiten, es habe aber alle Leseangebote zu Themen wie Magersucht und Chat-Abhängigkeit genauso abgelehnt wie das Lexikon der Modedrogen.


Nein, erklärte ich Wolfram Lamparter Jahr um Jahr, heiter und sturzhelmig sei mit mir nicht zu haben, wenn's um Kinderklassik ginge. Ich wollte es elegisch, schwermütig, düster-romantisch, mithin also in etwa das, was man gern mit russisch assoziiert, auch wenn das Elegische vermutlich so russisch ist wie das Kind von stets heiter-positiver Grundstimmung. Dennoch, ich mag die Russen. Ich habe alles, was Rachmaninow jemals für Klavier komponierte (die Etüden inklusive) auf CD, kann Scriabin rauf und runter, und jeden Morgen rührt mir Tschaikowskys Zuckerfee persönlich den Kaffee um.

Und dann, nach all den Jahren, endlich: Prokofjew! Geht doch, Herr L., dachte ich. Dachte außerdem an den Peter, den Wolf und die Ente, und wie das schon damals funktioniert hat, und wie das wieder funktionieren könnte. Dass neben Prokofjew auch Bizet mit an Bord war, ließ sich verkraften: Ein Franzose zwar, aber seine Carmen war Spanierin und schwules Rollenvorbild; ich hatte schon mit Kastagnetten geklappert, als Mallorca sich gerade mal vom Festland löste.

Ungefähr ein viertel Jahr lang hörte ich mich … naja, nicht jeden Tag, aber mehrmals die Woche durch die Petite Suite von Bizet. Diese fünf wunderschönen symphonischen Miniaturen entstammen einer eigentlich zwölfteiligen Komposition für Klavier zu vier Händen, Jeux d'Enfants; Bizet hat sie fürs Orchester umgedichtet. Von Prokofjew kam hinzu die kleine Orchester-Suite Ein Sommertag (heiter, anyone?), und mein Anspruch war, auf dieser Grundlage eine Geschichte derart zu entwickeln, dass Prosa und Musik einander spiegeln. Ich hatte dabei völlig freie Wahl, hätte also Einzelstücke von B. oder P. untereinander mischen können, hätte dreimal Musik auf zweimal Text am Stück folgen lassen oder mit dem letzten Stück anfangen und mich nach vorne durcharbeiten können.


Was, natürlich, nicht geht. Ich möchte ja auch nicht, dass man meine Bücher zerhackt und als Häppchen in beliebiger Reihenfolge serviert, am besten den Nachtisch zuerst. Nein, ich hielt mich streng an die Vorlagen der beiden Komponisten, nahm mir erst den Franzosen vor, dann den Russen, immer abwechselnd eine Passage Text, ein Stück Musik, und nach etlichen schriftstellerischen Versuchen kristallisierte sich zuletzt endlich eine Story aus den Höreindrücken heraus. Nur zu Bizets Trompette et Tambour fiel mir partout nichts ein; so erfand ich Fräulein Schneider, die neben dem Helden Max und seinem Großvater der Geschichte Leben verleiht.

In den Konzerthäusern von Freiburg und Karlsruhe wurde das Wechselspiel aus Text und Musik dann mehrfach aufgeführt, und die Erinnerung daran gehört zu meinen schönsten beruflichen Erinnerungen überhaupt: 500 Kinder vor dir (ich saß zwischen Dirigent Nicolas Simon und erster Geige), die anfangs verhalten, dann immer mutiger die Stücke mitdirigierten, bis zuletzt 1000 kleine Arme die Luft im Konzerthaus aufwühlten, hier taktvoll, dort anarchisch; hier versonnen, dort ekstatisch. und der arme Dirigent hat von all dem nichts gesehen. Aber vielleicht erkannte er es in den strahlenden Augen seiner Musiker.

So viel zur Zusammenarbeit mit dem Herrn L. Im Sommer 2016 werde ich werde übrigens erneut mit dem Symphonieorchester des SWR auftreten, nämlich am 29. Juni in Donaueschingen, am
30. Juni in Mannheim und am 1. Juli in Freiburg. Und in der Fortsetzung dieses kleinen Artikels werde ich mich der Zusammenarbeit mit Nele Palmtag widmen, die Wenn mein Mond deine Sonne wäre mit luftigen und – wie ich finde – traumhaft schönen Illustrationen geadelt hat.
LZ