Mittwoch, 17. November 2010

Verzogen und verschoben

Entgegen der bisherigen Ankündigung, dass der dritte (und letzte) Band um Rico und Oskar im kommenden Frühjahr erscheinen soll, wird es nun leider doch etwas später. Ich könnte jetzt behaupten, Carlsen wolle das Buch hauptsächlich mit Blick aufs Weihnachtsgeschäft erst im Herbst 2011 auf den Markt bringen, doch damit gäbe ich der Wahrheit nur die halbe Ehre. Tatsächlich war ich ganz erleichtert über diese Verlagsentscheidung, weil mir – mal wieder – die Zeit etwas davongelaufen ist; ein Umstand, dem mein Verleger großzügig, wenn auch nicht völlig selbstlos, mit der Verschiebung um ein halbes Jahr Rechnung zollte.

Ursprünglich wollte ich die Arbeit an Band 3 tatsächlich diesen Sommer beenden. Die letzten Lesungen (New York im Mai – sehr fein!) waren absolviert, einmal tief Durchatmen war angesagt, PC anwerfen, und dann …

… hab ich ein Haus gekauft. Und bin aus Berlin weggezogen. Back to the roots, in meine Heimatstadt Biedenkopf im Oberhessischen. Hatte sowieso immer Heimweh, und nach dem Tod meines Lebensgefährten fühlte ich mich in der Hauptstadt entwurzelt. Finde sowieso, dass der Ton dort unangenehm rauer geworden ist, außerdem wird mein Kiez gerade großzügig gentrifiziert. Über kurz oder lang wäre ich dort eh verschwunden.


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Zum Umzug Mitte September sollten alle Renovierungsarbeiten im und am neuen Heim abgeschlossen sein, sind es aber bis heute nicht. Kennt man ja: Nagel in die Wand hauen, um ein Bild aufzuhängen – Wand kommt runter. Und zwar ziemlich komplett. Dann die Wand dahinter. Ich hab's sogar geschafft, beim Herausnehmen der alten Bade- und Duschgelegenheiten das halbe Badezimmer in den Keller zu versenken.

Ungezählte Umzugskartons stehen daher zur Zeit immer noch in Dreck (und der Blog verstaubt). Bisher gibt es nur zwei Rückzugsmöglichkeiten: Schlafzimmer und Büro. Der Rest des Hauses entspricht in seiner Unfertigkeit dem Manuskript von Rico 3. Und ich befürchte, das Buch wird früher fertig sein als das Badezimmer. Weshalb ich mich jetzt umgehend wieder an die Arbeit mache …

weiß

Donnerstag, 22. April 2010

Zurück in die SteinZEIT

Es stand schon einmal zur Debatte und wurde abgewendet; nun ist es doch passiert: Die ZEIT schubst das Kinder- und Jugendbuch aus dem Feuilleton (wo es ohnehin nur, aber immerhin doch alle vier Wochen sein Haupt erhob) in ihr KinderZEIT-Anhängsel. Der Literaturpreis LUCHS wandert gleich mit. Und ich wundere mich noch naiv, was aus dem Online-Auftritt der entsprechenden Seiten geworden ist …


Da ich momentan hochtourig auf Lesereisen bin, erspare ich mir jeden Kommentar (ich bin selbst für Zynismus zu müde und muss morgen wieder früh raus) und verweise hier lediglich auf gleich zwei offene Briefe an die ZEIT. Den einen hat die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj) verfasst, den anderen, bereits zuvor, meine schöne und schön streitbare Kollegin Jutta Richter im Namen vieler bekannter Autoren und Illustratoren. Ob's was fruchtet … wir werden sehen.

Ich fühle mich besonders betroffen, weil ich drei Jahre lang der LUCHS-Jury angehörte. Mir unverständlich, warum die derzeitigen Juroren nicht geschlossen von ihrer Arbeit zurückgetreten sind. Vielleicht hoffen sie auf bessere Zeiten. Dann war wenigstens nicht nur ich naiv.

Donnerstag, 8. April 2010

Klick-Bildung

Fragt sich irgendwer, wo meine Kolumne ZEIT-Abschnitte abgeblieben ist? Vermutlich niemand außer mir, macht aber nix. Ich wollte die Sparte trotzdem ein wenig aufpeppen, schließlich erscheinen in des deutschen Bildungsbürgers wöchentlich herausgegebenem Lieblingsbackstein hin und wieder feine Artikel zur Kinder- und Jugendliteratur. Allerdings, wie es aussieht, nur in der Print-Ausgabe. Online ist es damit, zu meinem Erstaunen wie zu meiner Verärgerung, so gut wie Essig.

Anlass genug, sich umzuschauen, wie neben der ZEIT andere überregionale Platzhirsche die Sache mit dem Kinder- und Jugendbuch handhaben. Schließlich wird jedes dieser Medien nicht müde, in regelmäßigen Abständen anzumahnen, wie wichtig Kultur und Bildung für die Kleinen und Heranwachsenden seien, wenn unser Planet nicht demnächst mit einem Salto über den gelben Doppelbogen Hops gehen soll. Und dass da das LESEN irgendwie dazugehört. Offenbar aber nur dann, wenn es ausreichend Klicks produziert. Denn so sieht's aus:


ZEIT Online

Vom Link auf der Hauptseite zur Kultur geht es, schön praktisch, umweglos ab in die Literatur. Aber nur in die für die Großen. Über die rechte Sidebar kommt man weiter zum LUCHS, aber auch nur zu dem. Die Hoffnung, irgendwelche anderen als LUCHS-bezogene Artikel zum Kinder- und Jugendbuch zu finden, kann man knicken. Nun ist der LUCHS eine ganze Menge mehr als nichts. Aber er ist eben auch nur: Ein Literaturpreis. Nicht gepreiste oder außerluchsig gepriesene Kinderbücher oder gar Artikel haben bei ZEIT-Online keine Chance.

FR-online.de (Frankfurter Rundschau)

Bei der Frankfurter Rundschau muss man sich via Startseite → Kultur& Medien → Literatur (nein, dort noch keine passenden Einträge) zum hauseigenen, in der rechten Sidebar auf sich aufmerksam machenden Literatur.Magazin vorkämpfen, um dort, mit etwas Glück, eine aktuelle Rezension zum Kinder- und Jugendbuch zu erhaschen. Direkte Verlinkung: Fehlanzeige. Der Fairness halber soll aber gesagt sein, dass eine solche aber auch zu anderen Sparten (Belletristik, Sachbuch) nicht existiert.


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sueddeutsche.de (Süddeutsche Zeitung)

Man muss lange suchen, um zuletzt nichts zu finden: Der Online-Ableger der Süddeutschen hat offenbar nicht mal eine Literaturseite. Zwar verlinkt die Hauptseite zur Kultur, so ganz allgemein, aber damit hat es sich dann auch schon. Lange nach der Leipziger Buchmesse findet sich ein aktueller Link zur Leipziger Buchmesse, wo aber offenbar das Kinder- und Jugendbuch auch nicht stattgefunden hat. Ansonsten besteht Kultur bei sueddeutsche.de aus belanglosen Videoschnipseln (Das Leben der Anderen … nein, nicht der Film), Kino (doch der Film) oder der Kolumne Deutscher Alltag, in dem das Buch und das Lesen aber auch keine große Rolle zu spielen scheint. Ich sag mal: Wow!

FAZ.Net (Frankfurter Allgemeine)

Von der Hauptseite kommt man über Feuilleton → Bücher zu allem, was es in der Heimstatt des geschätzten Herrn MRR zur Literatur zu sagen gibt. Das Kinder- und Jugendbuch braucht keinen Extralink, denn es findet sich - und das ist sehr schön, wenn auch unübersichtlich - in die restliche Lesewelt integriert. (Beim heutigen Stöbern stieß ich übrigens auf ein hübsches aktuelles Interview mit meinem englischen Verleger Barry Cunningham.) Leicht verbesserungswürdig, aber wenn schon mehr als wenig, dann wenigstens so.

Welt Online

Über die Kultur geht es zur Literarischen Welt, und dort sieht es ähnlich aus wie bei FAZ.net: Das Kinder- und Jugendbuch scheint eingereiht. Ob dem tatsächlich so ist, vermag ich schwer zu sagen, denn aktuell finden sich nur zwei zielgruppengerechte Links; der eine zu Biss der Arzt kommt und ein weiterer zum frisch gehypten Potter-Twilight-Klon Gezeichnet. Weil der Deutsche, auch der deutsche Teenager, dann eben doch alles kauft, wenn es bloß Spaß macht. Nur bitte nicht mehr, ginge es nach der WELT, Fräulein Hegemanns teilweise selbst geschriebenes Epos um die mexikanische Dauerlarve. Was mir die WELT richtig sympathisch macht.



Ende der kleinen Übersicht. Es irrt der Mensch, solang er strebt, wusste schon der Herr Geheimrat G. Weshalb ich für eventuelle Recherche-Fehler kniefälligst um Entschuldigung bitte und dazu auffordere, mir selbige (die Fehler) über die Kommentarfunktion nahe zu bringen, auf dass ich die eine oder andere der dargestellten Online-Präsenzen unverzüglich exkulpieren kann.

weiß

Dienstag, 6. April 2010

Dresdner Schattenspiele

Ein kleiner Nachtrag in Bildern zur Bühnenfassung von Rico, Oskar und die Tieferschatten, die bereits im Oktober 2009 im theater junge generation Dresden Premiere hatte. Den TEXT dramaturgisch bearbeitet und in spielbare Form gebracht hat die wunderbar praktische Felicitas Loewe, in Szene gesetzt wurde der Spaß von Philippe Besson.

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Beeindruckt hat mich vor allem das Bühnenbild von Henrike Engel: Ein gigantischer Stadtplan von Berlin, an den Falznähten aufgeklappt und hochkant gestellt. Auf gleich zwei Ebenen, die obere durch Planken und Geländer miteinander verbunden, bot sich damit nicht nur ordentlich Spielfläche, sondern auch Platz für allerlei unvorhergesehene Gimmicks, wenn hier eine Tür sich öffnete, dort eine Herdplatte aus der Wand gezogen wurde oder aber ein Stück Plan nach vorn klappte, um das Versteck des Entführers zu zeigen.


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Die Tieferschatten selber waren super in Szene gesetzt; ein düsteres, von hinten ausgeleuchtetes, riesenhaftes Schattenspiel, unterlegt mit feiner Gruselmucke von Bernd Sikora. Als zentrales Requisit reichte Ricos ebenfalls verstadtplanter Nachdenksessel aus. Das Ensemble gefiel mir ebenfalls; höchstens dass Oskar größer war als Rico und tiefbegabter rüberkam als der irritierte mich ein wenig. Aber, hey, das nennt sich Freiheit der Kunst, und wer würde sich ernsthaft beschweren, wenn die Kiddies im Publikum abgehen wie die Zäpfchen?


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Freitag, 2. April 2010

Wie war es grau und schwer in der Welt …

'Abends bekam er, wie nach jeder demütigenden Schlägerei, zum Trost ein Märchen vorgelesen. Jeder der Geschichten, die mit und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende endeten, fügte die Großmutter regelmäßig hinzu: Aber am Schluss, ganz am Schluss, waren sie dann doch alle mausetot! Dieses angefügte Ende gefiel Duda überhaupt nicht, und er bezweifelte, dass es den Brüdern Grimm oder dem netten Herrn Andersen aus Dänemark, von dem seine liebsten Märchen stammten, gefallen hätte.'

(Aus dem Äther, erschienen in Froschmaul)

Vielleicht aber doch, auch wenn ich meinen eigenen Helden nur ungern widerspreche. Und vielleicht irrt Duda bloß, weil niemand es wie HANS CHRISTIAN ANDERSEN vermochte, die häufig depressive Grundstimmung seiner Geschichten durch die - nur vordergründig schlichte - Schönheit seiner Erzählsprache gleichsam wieder aufzufangen. Die meisten der bekannten Kunstmärchen Andersens sind, wie jedes gute Märchen, Entwicklungs- und PUBERTÄTSDRAMEN; ihren Zauber macht das in sie verwobene unterschwellig Archetypische aus; ihre Unsterblichkeit, dass sie unter dem Tasten unseres analytischen Verstandes zu leblose grauer Asche zerfallen mögen, sich aber, kaum wenden wir ihnen den Rücken zu, wie ein strahlender Phönix wieder daraus erheben.


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Als Kind liebte ich den Andersen-Märchenband aus dem Ueberreuter Verlag mit den aquarellierten Illustrationen des leider viel zu früh verstorbenen Janusz Grabianski (zu dem auch mal ein Blog-Beitrag fällig wäre.) Als Erwachsener legte ich mir eine sauteure englische Ausgabe mit den magisch-schönen Bildern von William Heath Robinson zu, außerdem Andersens Schräge Märchen aus der Anderen Bibliothek. Die man unbedingt lesen sollte, wenn man sich ein differenzierteres Bild des dänischen Autors machen will, der heute vor 205 Jahren geboren wurde.

weiß

Donnerstag, 1. April 2010

Nussgeschmack

Vorgestern besuchte ich die beste Freundin. Sie ist eine ausgesprochene Bilderbuch-Liebhaberin (das meint auch ihr treuer Gatte) und zu meiner Überraschung entdeckte ich bei ihr den Lari Fari Mogelzahn vom Janosch. Das Büchlein lag mutterseelenallein auf jenem Beistelltisch, der alles beherbergt, was bei der besten Freundin in Ungnade gefallen ist und deshalb demnächst verschenkt oder ins Antiquariat abgeschoben wird.


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Die beste Freundin würde mir niemals ein Buch vom Beistelltisch unterjubeln. Stattdessen hält sie in Antiquariaten und auf Flohmärkten Ausschau nach Preziosen, die mir eventuell unbekannt sind, aber mein Gefallen erregen könnten, und so schenkte sie mir dieses Mal zum Abschied ein Büchlein von John Burningham, zur Weitergabe an meine Nichte: Im Schnee. Kannte ich noch nicht. Den Burningham schon. Weshalb er demnächst einen Extra-Beitrag kriegen muss, denn um eines seiner Werke rankt sich ein zartes nostalgisches Trauma meinerseits.

Doch zurück zum Mogelzahn: Ich weiß nicht mehr, wie ich als Kind an den kam. Von Eltern oder Verwandten dürfte ich ihn nicht geschenkt bekommen haben; denen wäre schon der progressive, grell orangenfarbene Einband suspekt gewesen. Wohl eher von der Patentante, einer um mein literarisches Wohl besorgten Bibliothekarin aus dem fernen Reutlingen, die Jahre später mal weit über ihren Schatten sprang, als sie – da war ich schon Teenager und hegte eine Vorliebe für billige Phantastik – mir eine Anthologie guter Horrorgeschichten schenkte. Hardcover.

Aber als Kind … Ich mochte dieses orangefarbene Buch nicht. Leider besaß ich nicht so viele Bücher, als dass ich es mir hätte leisten können, den Mogelzahn nicht zu lesen, ihn sogar mehrfach zu lesen, weil ich mir ja nicht alle zwei Wochen Jim Knopf aus der (heute noch) beklagenswert schlecht ausgestatteten Bibliothek meiner Heimatstadt leihen wollte.

gnu-free-Bundesarchiv_DH_2_Bild-A-00867,_KinderzimmerschrankUm es brutal auszudrücken: Der Lari Fari Mogelzahn hatte so ziemlich alle Qualitäten, die ich heute noch an Kinderbüchern scheiße finde. Ich gehe sogar so weit, zu behaupten, dass der Mogelzahn meinen Geschmack überhaupt erst prägte, mithin also der Janosch dafür verantwortlich ist, dass ich ein Kinderbuchautor geworden bin, denn ich wollte es ja besser machen. Nicht besser als der Janosch – ich werde mich hüten, blasphemisch zu werden und es besteht dazu auch kein Grund, denn viele seiner Werke finde ich großartig. Aber auch nicht so … so … so offenkundig hintenherum.

Jeder weiß, dass die meisten Kinder Gedichte mögen, dass sie gern mit Sprache spielen und sich totlachen können über Wortverdreher, über alliterativen Nonsens oder sprechende Namen. Es werden, immer noch und immer wieder und Gott sei Dank, jede Menge Bücher verfasst für solche Kinder. Aber zu diesen Kindern gehörte ich nicht. Ich war ein ernstes Kerlchen, damals wie heute rationaler, als es gut für mich war, erfüllt von einer ausgesprochenen Abneigung gegen plakativen, sich anbiedernden Humor. Das Krokodil Belebamfidelradatz mit seinem Kind Belebamfidelradieschen war …. nicht witzig! Das Gedicht gleich auf der ersten Seite: nicht witzig, und sowieso holperte die Schlusszeile, und wo wir schon beim Holpern waren, so überlegte ich damals, sollten Verlage gefälligst Leute einstellen, die sich um vom Autor übersehene Logikfehler wie den folgenden kümmern sollten:

Kaum hat Lari Fari zu Ende gesungen [das Geholper nämlich], da kommen aus der geheimnisvollen Kiste die anderen Spielzeugleute und werden lebendig.

Ein Lektor hätte mich vielleicht auch darüber aufklären können, warum der Janosch mitten im laufenden Text die Zeiten wechselte, vom Imperfekt zum Präsens und wieder zurück, meistens dann, wenn der quasselige Tintenkapser eins vom Fidelbär auf die Mütze kriegen sollte. Einfach so. Ich hatte es nicht so mit Grammatik, aber das hier, beschloss ich, war eindeutig falsch.

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Noch schlimmer wog, dass ich ein moralisch unbestechliches Kind war, weshalb ich den ehrlichen Löwen Hans, der dem Mogelzahn regelmäßig androht, ihn aufzufressen, sobald er ihn bei einer Lüge ertappt, als erstunken und erlogen empfand, weil das Leben mich längst gelehrt hatte, dass es ohne Lügen nicht geht, bestimmt auch nicht bei einem Löwen, auch wenn der Janosch sich den gut ausgedacht hatte: Wenn überhaupt, musst du sehr stark sein, um auf der Wahrheit beharren zu können.

Warum, um alles in der Welt, las ich dann immer wieder dieses Buch? Weil es nicht nur doof, sondern auch toll war. Den Standardsatz des Nussknackers, sein berühmtes "Aber dann kam ich!", wann immer er zuvor eine eigentlich unlösbare Situation ersponnen hatte, fand ich toll. Ich mochte den kaputten Hund mit den drei Beinen und ohne Schwanz, der immer weinen muss, wenn der Fidelbär so schön fiedelte. Mir gefiel der Humor der Story immer dann, wenn er ins Absurde glitt, wie bei der Beschreibung eines Diebs, der mal ohne Mütze herumging, "dann wieder ohne Hut. Oder er hatte keinen angeklebten Schnurrbart im Gesicht." Und ohne zu hinterfragen, wie ihm das gelang, gefiel mir außerdem, wie der Janosch mit seiner auktorialen Erzählweise mich zum Komplizen des lügenden Nussknackers machte: Als der Mogelzahn dem ehrlichen Löwen Hans auftischt, er habe früher Mehl gemahlen mit seinem Mehlmahlegebiss, präsentiert er ihm zum Beweis den Rücken: "Es rieselte ihm hinten etwas Mehl heraus. Aber das war von einem Holzwurm."

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Trotzdem hätte ich gern gesehen, dass der Mogelzahn vom Löwen verputzt wurde. Er trug einfach zu dick auf. Er log, um Himmels willen, und schaffte es dabei auch noch, den ehrlichen, aber leider strunzdummen Hans immer auch noch so zu verarschen, dass der jede Lüge für bare Münze nahm! Dass diese Lügen, wie jede künstlerische Fiktion, den Kistenbewohnern wie dem Leser vornehmlich der Unterhaltung dienen sollten, war mir egal. Der Mogelzahn log und, bei aller damit einhergehenden überbordenden, stellenweise mich überfordernden Phantasie, bei allem Spaß, den ich damit hatte: Er kam mit seinen Lügen auch noch davon!

Das passte zum Duktus der neuen Kinderliteratur der beginnenden Siebziger. Kinder andere Haltungen einnehmen lassen, ihnen die Welt öffnen, sie direkt ansprechen, sie sensibel machen nicht für Traumwelten, sondern fürs Alltägliche, bewusst auch fürs Problematische und das auf sprachlich anspruchsvollem Niveau – all das und vieles mehr hatte der großartige Hans-Joachim Gelberg sich auf die Fahnen geschrieben, als er 1971 Beltz und Gelberg gründete. Der Mogelzahn, mit dem Untertitel Jeden Abend eine neue Geschichte, erschien gleich im ersten Verlagsjahr, das war eine gute und glückliche Wahl, auch wenn sie den kleinen Andreas nicht begeistern konnte. Bei ihm überwog der moralische Verdruss. Vielleicht war er aber auch einfach nur zu geschmäcklerisch und ist es noch. Nusseis konnte ich ja auch nie leiden. Und ganz vielleicht ärgerte ich mich damals sowieso nur deshalb, weil der Lari Fari, ganz im Gegensatz zu mir, nie beim Lügen erwischt wurde. Weil er nie einen roten Kopf bekam und zu stottern begann, so wie ich. Weshalb ich irgendwann beschloss, das mit dem Lügen einfach zu lassen.

Lari Fari Mogelzahn wird 2011 vierzig Jahre alt. Er wird immer noch aufgelegt, wenn auch zur Zeit lediglich als Hörbuch mit sehr populären Sprechern (das Buch selbst kann man immerhin als Restbestand aus der bei SZ-Kinderbuchreihe bei den üblichen Verdächtigen ergattern). Das muss man ja erst mal hinkriegen. Ich wünsche dem Nussknacker, den ich immer noch nicht wirklich mag, schon jetzt einen schönen Geburtstag. Ganz ehrlich und nicht gelogen.
weiß

Mittwoch, 31. März 2010

Lesungen im April und Mai 2010

Eigentlich wie gehabt: Die meisten Lesungen im April und Mai finden in Bibliotheken bzw. Schulen fest gebucht für angemeldete Schulklassen statt; ich führe sie daher hier nicht auf.

Die Termine im Mai werde ich noch spezifizieren. Fast die komplette Woche ist mit Benefiz-Veranstaltungen gefüllt, das heißt, ich lese entgeltfrei für Kinderhospize in Südafrika, den Bau eines Kinderdorfes in Kenia, die AIDS-Hilfe Offenbach und dergleichen.

Ein Schmankerl (und hier nur erwähnt, um damit anzugeben und hemmungslosen Neid zu provozieren) werden einige Lesungen in New York sein, der großartigsten Stadt des mir bekannten Universums, in der letzten Woche im Mai. Zuletzt war ich 2001 im Big Apple, mit Brüderchen Dirk; er wird mich aus diesmal wieder begleiten. Seufz …

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Freitag, 16. April
15.00 Buchhandlung Libra
Oberursel, Rathausplatz 7,

Montag, 26. April
20.00 Buchhandlung Wälischmiller
88677 Markdorf, Am Stadtgraben 12

Freitag, 30. April
17.00 Buchhandlung Nimmersatt
10967 Berlin, Dieffenbachstraße

Dienstag, 4. Mai
20.00 KÖB Herz Jesu
Recklinghausen, Niederstraße 29

Mittwoch, 5. Mai
15.30 Lesesaal der Stadtbücherei
Münster, Alter Steinweg 11
20.00 dito; Lesung und Gespräch
"Literarische Wege aus dem Labyrinth"

Donnerstag, 6. Mai
15.00 Gemeindezentrum Sankt Jakob
Frankfurt/Main, Kirchplatz 9
(Eintritt Kids/Erw. 3/4 Euro)
19.00 Leibniz Schule (über Cafeteria)
Offenbach, Brandsbornschule 11

Donnerstag, 20. Mai
15.30 GS Bertha-von-Suttner (Forum)
Siegen, Giersbergstraße 145
17.30 Buchhandlung Schneider
Siegen, Sandstraße 1
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Sonntag, 28. März 2010

Aufgeräumt

Fast zwei Jahre lang hegte ich beste Absichten, nun ist es vollbracht: Eine kleine Rundumerneuerung des Blogs. Was man ihm, auf den ersten Blick, nicht ansieht, da es sich dabei lediglich (pah!) um eine Aktualisierung der Links bei den Filmen und Büchern handelt. Es sind jetzt bloß nicht mehr jeweils fünf, sondern nur noch vier Titel pro Rubrik vorhanden – ich lese und gucke inzwischen einfach zu langsam.


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Außerdem habe ich alle zum Download angebotenen Dokumente, die vor allem manchen Lehrer interessieren könnten (Dateien mit Infos zu meiner Person und zu den gängigsten meiner Bücher, nur Rico und Oskar fehlen noch) auf einen anderen Server gelegt. Der alte hatte sich, ohne Vorwarnung, ins virtuelle Nirwana verabschiedet.

Und jetzt die Wohnung …

weiß

Demnächst, demnächst nicht und demnächst

Seit sehr langem habe ich darauf hingearbeitet, ab Juni dieses Jahres bis wenigstens 2012 in Ruhe und ohne Unterbrechungen an einem dicken Roman weiterschreiben zu können. Letztlich bedeutet das eigentlich bloß back to basics: Keine Übersetzungen mehr, keine Drehbücher, keine zusätzlichen Lesungen.

Möglicherweise muss ich über 2012 hinaus verlängern, da ja Rico 3 längst im Kasten sein sollte, oder weil ich irgendwann feststelle, dass der jetzt schon recht umfangeiche, vor zehn Jahren begonnene und dann irgendwann mangels Zeit und Nerven auf Eis gelegte Roman (diesmal für Erwachsene) doch noch etwas mehr Zuwendung braucht. Aber wie auch immer: Das ist die mittelfristige Planung.

Langfristig könnte ich mich eventuell dazu entschließen, einen vor fünf Jahren ebenfalls begonnenen, sehr umfangreichen Jugendroman auch noch zu Ende zu bringen, bevor mich selber mein Ende ereilt. Wäre schade um den schönen Stoff, auch wenn mein Verleger ihn nicht mag (womit ich mich, glaube ich, vorsichtig ausdrücke). Ich habe ihm trotzdem gratuliert, als er 2009 Verleger des Jahres wurde.

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Konkret heißt all dies, dass ich (wehen Herzens, da ich Redaktion, Produktion und Mitautoren der Reihe extrem schätze) an den nächsten beiden Löwenzahn-Staffeln nicht beteiligt sein werde. Ebenso wird nichts aus dem Weihnachtsspielfilm, den ich geschrieben habe; ihm haben, wie so oft in dieser Branche, Schwierigkeiten bei der Finanzierung den vorläufigen Garaus gemacht.

Aber wo wir schon beim Film sind: 2011 soll Mister Moose nagelneu durchstarten. Die wunderbar quirlige Produzentin Leontine Petit von lemmingfilm hat sich des Stoffs angenommen, weil sie den Originalfilm genauso toll findet wie ich.

Die Lemminge hatten übrigens auch vorgeschlagen, als Co-Produzenten alle drei Bände um Rico und Oskar in eine TV-Serie zu verwandeln, 26 Teile, wenn ich mich recht erinnere. Konzeptionell jedoch hat zuletzt den Verlag, die Agentur und mich ein Spielfilm-Angebot besser überzeugen können: Die Tieferschatten kommen also ins Kino (im Theater waren sie schon), ergänzt um einige Schnipsel aus den Folgebänden, um die Sache rund zu machen. Die Drehbuch-Förderung ist durch (ich müsste mich mal auf den neuesten Stand bringen, was die Produktion betrifft – das habe ich, wie so vieles in den letzten Woche und Monaten, ungewollt vernachlässigt).

Die Mitte der Welt hat es auch im zweiten Anlauf nicht geschafft, das Licht der großen, weiten Kinowelt zu erblicken. Jetzt geht sie in die dritte Runde: Die üblichen Verdächtigen loten gerade aus, welches der vorliegenden Angebote vielleicht doch irgendwann zu einem fertigen Film führen könnte.

Und um dort aufzuhören, wo ich wieder hin will, nämlich bei den Büchern: Im Herbst 2011 wird ein Schmankerl veröffentlicht werden, dass vorerst, leider, noch größer Geheimhaltung unterliegt. Dabei würde ich so gern schon damit angeben …

weiß

Samstag, 27. März 2010

Non scholae, sed vitae discimus

Man ist ja einiges gewöhnt. Zum Beispiel, dass der im Titel wiedergegebene Seneca-Ausspruch (aus seinen Briefen an Lucullus) wohl auf immer ein verdrehtes Zitat bleiben wird. In der ursprünglichen Fassung nämlich – non vitae, sed scholae discimus - kritisierte der sonst durch wenig aus der Ruhe zu bringende Herr damit die zeitgenössischen römischen Philosophenschulen; unsere längst gebräuchliche Umkehr des Zitats ist lediglich die daraus abgeleitete Forderung, es besser als die Römer zu machen und nicht immer neue weltfremde Fachidioten auf die Menschheit loszulassen. Fein, dass wir seit 2000 Jahren hart und erfolglos daran arbeiten.

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Auf unsere eigenen Schulen mag ich nicht wirklich einhacken. Dass ich mir manche Leserpost, gleich ob als Brief oder Mail verfasst, inzwischen immer öfter laut vorlesen muss, um den Inhalt wenigstens übers Lautmalerische zu erfassen – geschenkt. Legasthenie und Dyslexie sind ernst zu nehmende Probleme, unter denen die davon Betroffenen in der Regel sehr leiden. Erstaunlich ist bestenfalls der politisch korrekte Trend, inzwischen hinter jedem orthografischen Totalausfall eine versteckte Hochbegabung zu vermuten. Liebe Eltern: Echte Lernschwäche hat nichts mit Faulheit zu tun. Echte Faulheit aber auch nichts mit Begabung. Und manchmal liegt die Faulheit nicht nur beim Schüler.

Sei’s drum – man kommt durch dieses Phänomen in den Genuss von Mails wie der folgenden, eine Antwort auf von mir verschicktes Material zu Beschützer der Diebe, um die derselbe Schüler gebeten hatte – offenbar ohne sich dann damit auseinanderzusetzen:

Ja danke für deine Spitzen info echt Klasse Dein buch ist laaaaammm HAHAHAHAHAHAHAHA dein buch iss so scheiße du wixxer wegen dir hab ich ein 5 in hausaufgaben du huso ^^ hau rein !

Über fehlende Anrede (Lieber Huso) und Absender (dein Mofu) rege ich mich längst nicht mehr auf. Okay, jedenfalls nicht mehr so arg wie früher. Fasziniert hat mich bei der Lektüre eher, dass hier ein etwa Zwölfjähriger schon erkannt und verinnerlicht hat, wer für alles, was bei ihm nicht rund läuft, die Verantwortung trägt: Immer die anderen. Und damit hat er dann doch wirklich was fürs Leben gelernt.


Belugastör (Huso huso) weiß

Nicht alles ist Makulatur

Je populärer man wird, umso begehrter wird man – das ist eine so binsige Weisheit, dass sich selbst Binsen davon beleidigt zeigen dürften. Einladungen trudeln ins Haus, nicht mehr bloß zu Lesungen, Tagungen oder Podiumsdiskussionen, sondern für den Empfang höherer Weihen; Anfragen von hier und von dort, ob man dort und hier nicht etwas Tolles bewegen möchte.

Gut fürs Ego. Jedoch, von Haus aus bin ich ein eher unentschlossener Mensch. Gestern, beispielswiese, stand ich geschlagene zehn Minuten vor den aromatisierten Senfsorten (für Sandwiches) im Supermarkt, nahm zuletzt natürlich gar keinen mit, nur um kurz vor der Kasse kehrt zu machen und weitere fünf Minuten vorm Senf zu verplempern, bis ich mich für die Kräutervariante entschied, um dann zu Hause festzustellen, dass ich die Sandwiches vergessen hatte.

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Es ist dieses Zögerliche in mir, das mich schon Wochen vor einer anstehenden Bundestags- oder Landtagswahl ganz irrsinnig macht, von der Auswahl selbst in kleinsten Buchläden ganz zu schweigen. Weshalb ich, in der Regel, alle möglichen Angebote höherer Weihen ablehne. Ich könnte mich ja falsch entscheiden und es erst Jahre später merken (was einer der Gründe ist, warum ich nie heiraten würde, selbst wenn der Staat mich ließe). Bis neulich. Da kam einer mit einer so brillanten und einleuchtenden Idee für eine so hübsche Sache auf mich zu, dass ich nicht Nein sagen konnte.

Während ich mir nämlich Sorgen um Senfsorten mache, stehen andere Menschen Schlange vor den Tafelläden und können froh sein, wenn zufällig mal ‘mittelscharf’ ohne alles im Angebot ist. Diese Menschen haben auch das Problem mit den Buchhandlungen nicht, weil für neue Bücher in der Regel schlicht keine Kohle übrig ist. Was soll’s, könnte man meinen, sollen diese Sozialschmarotzer doch einfach in die nächste spätrömisch-dekadente Bibliothek gehen! Da können sie sich ihr geschnorrtes Essen reinpfeifen und dabei den nagelneuen John Grisham, den der durchschnittliche Leistungserbringer sich unter allerlei Entbehrungen vom Munde absparen muss, mit Fettflecken einsauen! Und sicher könnten die Menschen das und täten es auch, aber wie jeder weiß, sind Bibliotheken nicht bundesweit dicht gesät, und gerade der durchschnittliche Sozialschmarotzer hat da vielleicht auch Berührungsängste, und manche Eltern - um die nicht ganz aus der Pflicht zu lassen - sind auch einfach zu ignorant oder zu faul, ihr Kind dort mal herumzuführen.

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Und da setzt sie an, die Kulturstiftung Selbst.Los!, gegründet vom Verleger-Ehepaar Annelie und Wilfried Stascheit. Bei dem Projekt Kinder brauchen Bücher, arme noch viel mehr (damit sind Kinder ohne finanzielle Mittel gemeint, nicht Kinder ohne Arme … nur für den Fall, dass einige von meinen ganz speziellen Leserbriefschreibern über diesen Eintrag stolpern) oder kurz: Kinderbücher für die Tafeln, geht es um Folgendes: Jährlich werden von unseren Verlagen abertausende von inzwischen unverkäuflichen Büchern verramscht oder, schlimmer noch, gnadenlos makuliert. (Makulieren heißt, dass einem durchaus der Lieblingsautor recycelt als Klopapier wiederbegegnen kann, ohne dass man es ahnt. Das ist eine durch und durch erschütternde Vorstellung, vor allem dann, wenn man selber der Lieblingsautor mancher Leute ist.) Dieselben Bücher kann man aber auch Menschen zur Verfügung stellen, die sie – um damit ein Argument auszuräumen, das von um ihre Umsätze besorgte Branchenmenschen kommt - eh niemals kaufen könnten.

Praktisch alle Verlage, auch die ganz großen, sind von dem Konzept angetan und machen bereits mit, mehr als 30.000 Bücher sind schon verteilt. Die Verlagsspenden sollen ergänzt werden durch private Buchspenden (erzählende Bücher laufen übrigens besser als Sachbücher), und vielleicht gibt es ja auch den einen oder anderen Autor, dem es geht wie mir, soll heißen: Man weiß irgendwann nicht mehr, wohin mit seinen Beleg-Exemplaren.

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Ich zitiere mal einen Grundsatz von Selbst.Los!: 'Fundament der Stiftung ist die Überzeugung, dass das Menschenrecht auf Bildung und Kultur eine wesentliche Basis für den gesellschaftlichen Fortschritt ist.'

Weshalb ich, in einem Anfall wilder Entschlossenheit, die Schirmherrschaft für dieses Projekt übernommen habe. Was bedeutet, dass ich zukünftig alle Buchhändler mit dem Inhalt dieses Posts nerven werde. Hoffentlich charmant. Wir suchen nämlich noch vielerorts nach Vertriebswegen, sprich: Nach Buchhändlern, die, von den Verlagen beliefert, die Bücher an die Tafeln weiterreichen.
weiß

Lesungen, mal allgemein

Bis 2012 kann ich leider keine weiteren Termine für Lesungen annehmen. Der Steinhöfel ist hoffnungslos überbucht, alle Ausnahmen sind bereits ausgeschöpft, auch in Berlin ist nichts mehr drin. Die Absagen auf die fast täglich eingehenden Anfragen beanspruchen recht viel Zeit, was eigentlich nur ein Luxusproblem wäre, gäbe es da nicht die einen oder anderen Veranstalter, die trotz höflicher Darlegung der Gegebenheiten meinerseits mehrfach nachbohren (was mich ehrt), sich dabei mitunter aber im Ton vergreifen (was mich nervt) und teilweise sowieso ganz abstruse Vorstellungen von einer Lesung, respektive deren Honorierung haben (was mich überraschen sollte, es aber nicht tut). Vornehmlich an diese Veranstalter gerichtet, möchte ich meinem Unmut ein wenig Luft machen:

A) Ich kann niemandem den Glauben daran verbieten, dass ein Autor amöbengleich teilbar ist und somit an zehn Orten auf der Welt gleichzeitig sein kann, wenn er nur ein bisschen guten Willen aufbringt. Aber ich kann versichern: Ich hab’s probiert. Mit allem guten Willen. Dann ohne. Dann wieder mit … Es klappt nicht.


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B) Letztens wollte ich ein Konzert der Berliner Philharmoniker besuchen. Am Einlass hielt mich ein befrackter kleiner Mann auf und forderte freundlich Eintrittsgeld. Ich wies ihn ebenso freundlich darauf hin, so ein Konzert der Philharmoniker sei doch eigentlich bloß Werbung für ihre neueste CD, weshalb er mich also, bitte sehr, gefälligst umsonst einlassen möge. Wollte er aber nicht. Da wurde ich schon leicht ungehalten …

C) Dann argumentierte ich, ich habe ja nicht nur vor, die neue CD der Philharmoniker zu kaufen, sondern ich besäße auch ein paar ihrer älteren Scheiben und habe auch schon welche an Freunde verschenkt, mithin also längst ordentlich dazu beigetragen, dass die Kapelle sich dick und rund fressen könne. Half auch nicht.

D) Letzter Trumpf: Ich schmetterte dem Befrackten entgegen, ach, so sei das also – die Philharmoniker hätten Besucher ganz offenbar nicht mehr nötig? Er musterte mich, inzwischen weit weniger freundlich, und erwiderte: “Nun, ich kann mich nicht daran erinnern, Sie hier gesehen zu haben, als die es noch nötig hatten.”

E) Bin ich einer, der leicht aufgibt? Es müsse ja gar kein ganzes Konzert sein, schlug ich vor. Ich könne ja ein andermal wiederkommen, denn es würde mir völlig ausreichen - etwas Idealismus von Seiten der Musiker vorausgesetzt – ihnen einfach ein bisschen beim Probengeschrammel zuzuhören und mich ansonsten nett mit ihnen zu unterhalten. Das sei dann kein Konzert, weshalb sich der Eintritt doch sicherlich erübrige. Nein?

F) Ich wurde dann rausgetragen.

Eigentlich finde ich die Philharmoniker sowieso doof.
weiß weiß

Rico, Oskar und das lange Warten

Es war ursprünglich so gedacht, geplant und alles darauf ausgelegt, dass der dritte – und letzte – Band um Rico und Oskar diesen Herbst erscheint. Rundum feine Sache: Parallel dazu Taschenbuchstart des ersten Teils, das Weihnachtsgeschäft mitnehmen … und man ist ja als Autor auch immer ein bisschen sehr froh, wenn ein größeres Projekt endlich das Licht der Welt erblickt hat und man sich anderen Projekten zuwenden kann, auch wenn deren Größenordnung noch gar nicht feststeht oder abzusehen ist. (Dazu später mehr, in einem eigenen Eintrag.)

Es heißt, manchmal spiele das Leben derlei Spiele nicht mit, es kümmere sich nicht um Planungen, krempele sich sozusagen gelegentlich selbsttätig um und gerade das mache es ja so spannend – wer will heute schon wissen, was nächstes Jahr um diese Zeit bei ihm los ist? (Okay, manchen Menschen wollen genau das, weil Dynamik sie beunruhigt, aber wenn sie am Heiligabend ihre völlig absehbaren Weihnachtsgeschenke auspacken, tun sie trotzdem überrascht, was ein sicheres Indiz dafür ist, dass sie im Grunde ihres Herzens doch gern was Anderes hätten, vielleicht sogar Dynamik, nur dass ihr Herz halt ein Hasenherzchen ist, das schnelleres Schlagen nicht verträgt; man darf sie deshalb nicht verurteilen.)

gnu-free-modbecker
So ist das mit dem ungeplanten wie mit dem geplanten Leben: Es macht letztlich, was es will, sagt man. Keiner aber sagt: Der Tod spielt nicht mit bei der Planung. Man sagt stattdessen: Der Tod funkt dazwischen, oder dass er plötzlich und unerwartet kommt, auch wenn er jeden von uns irgendwann erwartet, selbst die dynamischsten Menschen, die diese Tatsache aber ebenso gern ausblenden wie die Planer, Hasenherzchen also auch sie, und auch sie wollen wir nicht verurteilen, zumal das erwartet sich eher auf das irgendwann bezieht und nicht auf die Tatsache des unabwendbaren Tods als solche.

Als im Dezember mein Lebensgefährte starb (unerwartet), war Schluss mit Schreiben. Das erste – lange – Kapitel von Rico 3 war längst fertig, der Plot komplett ausgearbeitet, ausnahmsweise, weil ich, genauso wie der Verlag, wissen musste, ob es bei drei Teilen bleibt oder doch ein vierter dazukommt, und es ist schon ein wenig kurios, dass ausgerechnet dieses erste Kapitel auf einem Friedhof beginnt. Was ich nicht erwähne, um den Fans einen Brocken hinzuwerfen oder um die Spannung zu steigern, sondern weil ich im Geiste schon die erste Rezension lese, in der steht, der Steinhöfel habe den dritten Rico als Trauerarbeit verfasst, und die dauere ja bekanntlich länger, nicht umsonst reimt sich Trauer auf Dauer, ein Jahr schwarz und so weiter.

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Mitnichten, meine Lieben. Das Problem ist vielmehr dieses, dass die Figur Rico so dicht angelehnt ist an die Persönlichkeit meines Lebensgefährten, dass ich (leider immer noch) beim Schreiben einfach stocke, weil ich schreibend nicht den wieder lebendig machen kann, dessen Lebendigkeit Rico so auszeichnet. Ein zweites – langes – Kapitel habe ich im Februar beendet, testweise, nur um festzustellen, dass da inhaltlich zwar alles steht, was da stehen soll, diesem Inhalt aber jede Leichtigkeit und jeder Esprit fehlt.

So wird das wohl noch eine Weile gehen. Bis Ende Mai stehen Lesereisen ohne Ende auf dem Programm; ab Juni unternehme ich den nächste Schreibanlauf, mit dem Frühling im Rücken, den Frühsommer vor Augen und, hoffentlich, weniger Dunkel im Herzen. Wenn alles klappt, erscheint das Buch im Frühjahr 2011. Es erscheint dann weder plötzlich noch unerwartet, und nicht nur weil bald Ostern ist, widme ich es schon jetzt allen Hasenherzchen dieser Welt.
weiß weiß