Samstag, 22. März 2008

Hoffmanns Erzählungen

Als der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann zu Weihnachten 1844 nach einem passenden Bilderbuch für seinen dreijährigen Sohn suchte, fand er, wie er selbst später berichtete, im einschlägigen Buchhandel bloß dies: "Lange Erzählungen oder alberne Bildersammlungen, moralische Geschichten, die mit ermahnenden Vorschriften begannen und schlossen, wie: 'Das brave Kind muss wahrhaft sein‘; oder: 'Brave Kinder müssen sich reinlich halten‘ usw.“


Kurz entschlossen schrieb und zeichnete Hoffmann ein eigenes Buch, das nicht nur dem Sohnemann gefiel, sondern auch Freunden und Bekannten. Man drängte Hoffmann zu einer Veröffentlichung, der gab nach, und so erschienen, ein Jahr darauf, unter dem Pseudonym Reimerich Kinderlieb Drollige Geschichten und lustige Bilder für Kinder von 3–6 Jahren. Das Buch wurde ein Welterfolg. Schon bald nach seinem Erscheinen übersetzt in viele SPRACHEN, parodiert, ironisiert, politisiert, geschmäht, gepriesen, erlebte es bis heute 540 Auflagen. Umbenannt wurde es bereits ab der vierten: 1847 (anderen Quellen zufolge 1848) erhielt es, teilweise überarbeitet und komplett neu bebildert, den Titel Struwwelpeter.


In der modernen heutigen Diskussion gilt der Struwwelpeter als Musterbeispiel für schwarze Pädagogik, für eine Kindererziehung also, die unter nicht nur Androhung, sondern tatsächlicher Ausübung von physischer und psychischer Gewalt erfolgt mit dem Ziel, das Kind in ein widerspruchslos funktionierenden Rädchen im Getriebe einer (industrialisierten, ökonomisierten) Gesellschaft zu verwandeln. Schaut man sich den armen, um seine Nuckeldaumen erleichterten Konrad an, ist das ganz sicher eine richtige Einordnung. Es ist aber auch eine typische eingleisig-deutsche, unterschlägt sie doch die den Struwwelpeter zumindest teilweise durchziehende, quasi als Erlösungsmerkmal wirkende Ironie und poetische Gerechtigkeit: Dass Friederich, der dämliche Tierquäler, zuletzt von einem Hund gebissen wird, fand ich als Kind jedenfalls nur fair; dass die den Mohren verspottenden rassistischen Knaben ins rabenschwarze Tintenfass gesteckt werden ebenfalls, und dem Hasen, der seinem Jäger die Wumme klaut und damit auf ihn ballert, einen knappen Meter vorbei, wünschte ich bei jeder Lektüre mehr Treffsicherheit.



Am besten aber erinnere ich mich an jene Geschichten, die mich als Dötzeken deshalb faszinierten, weil ich zu ihnen einen auf eigener Erfahrung beruhenden, direkten Bezug herstellen konnte: Um Messer, Gabel, Schere, Licht machte ich bereits einen weiten Bogen, seit ich als Vierjähriger zwei Mal in eine geöffnete Steckdose gefasst hatte; entsprechend schick fand ich Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug, auch wenn mir das ob verbotenen Zündelns mit Streichhölzern abgefackelte Paulinchen viel weniger leid tat als seine um es weinenden Katzen. Ob diverser von mir hinterlassenen Flurschäden als Hanns Guck-in-die-Luft fror ich in stiller Anteilnahme mit dem klatschnassen Jungen der gleichnamigen Erzählung um die Wette, konnte mir dafür aber – ich bin noch heute begeisterter Regengänger – kein großartigeres Schicksal vorstellen als das des Knaben Robert, der, entgegen allen Warnungen und Verboten, bei schlechtem Wetter unbedingt vor die Tür wollte:

Schirm und Robert fliegen dort
Durch die Wolken immerfort.
Und der Hut fliegt weit voran,
Stößt zuletzt am Himmel an.
Wo der Wind sie hingetragen,
Ja! das weiß kein Mensch zu sagen.

Extrem cool. Man konnte nach dem Luftritt tatsächlich sonst wo rauskommen, in Afrika oder Indien oder, Gipfel aller Träume, in Kansas, von wo es via Tornado dann gleich weiterging ins zauberhafte Land Oz.


Folge dem gelben Steinweg: Wer den Struwwelpeter durchwandert, dem bietet das Buch noch heute einen recht unverstellten Blick auf das Erziehungsdrama des gewöhnlichen Kindes, wie es sich bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts abspielte. Dann änderten sich die Zeiten. Struwwelpeter und Konsorten wurden beiseite gefegt, das war zunächst gut so, aber weniger steinig wurde der Weg danach kaum. Er gabelte sich im Schatten der GRÜNEN WOLKE vielfach, wurde hier labyrinthisch und mündete dort in so manche Sackgasse, von denen unser kaputt experimentiertes Bilddungssystem vielleicht nicht die traurigste, aber prominenteste darstellt. Zuletzt schließlich, ins 21. Jahrhundert hinein, wurde der Weg gesäumt von neoliberalen Zielgruppenentdeckern, Hedonismus predigenden Wegelagerern und politisch korrekten Angstschissern, die das gewöhnliche Dötzeken vermeintlich aufwerteten zum kaufkräftigen, spaßverwöhnten, gleichberechtigten und damit – große Überraschung – natürlich hoffnungslos überforderten Partner für seine gleichermaßen überforderten Erziehungsberechtigten: Das Kind 2.0, dessen Status als ERSTBESIEDLER unserer schönen neuen Welt seinen Eltern dermaßen Furcht einflößt, dass sie es, mit dem Köpfchen voran, lieber gleich in einen Sturzhelm gebären.

Wie auch immer: Dem Struwwelpeter ist längst ein eigenes Museum gewidmet, und Heinrich Hoffmann gilt inzwischen als maßgeblicher Begründer der Jugendpsychiatrie. 1851 wurde er als Direktor der städtischen Nervenheilanstalt von Frankfurt am Main eingesetzt, deren Räumlichkeiten er wohl wenig prickelnd fand, denn schon 1864 wurde eine auf sein Betreiben und gegen große Widerstände erbaute, modellhafte psychiatrische Klinik vor den Toren der Stadt eröffnet. Gut möglich, dass Hoffmann auch dort beobachtete, was er literarisch schon viel früher verewigt hatte, seine berühmte Geschichte um den verhungernden Suppen-Kaspar zum Beispiel, die als erste literarische Darstellung einer Anorexia Nervosa überhaupt gilt.


Spannender, weil weniger augenfällig, bleibt jedoch Hoffmanns Beschäftigung mit einem anderen, aktuell immer wieder diskutierten Krankheitsbild: Der schon oben erwähnte Hanns Guck-in-die-Luft mit seinem Hang zum Tagträumen wie auch der hyperaktive Zappel-Phillip stehen mustergültig für das Phänomen der ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung; kurz auch ADS für Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom). Etwa 3 bis 10 Prozent aller Kinder sind von ADHS betroffen. Dass der Prozentsatz derart stark variiert, liegt an der Schwierigkeit der Einordnung. Fast jedes Kind glänzt durch Ablenkbarkeit, Impulsivität und einen gewissen Aktivitätsüberschuss; es ist die Bewertung von Kombination und Summe dieser Merkmale, aus der ein guter Psychologe die tatsächliche Krankheit (die neben erblicher Disposition auch neurobiologische sowie psychosoziale Ursachen hat) ableitet. Das sehr lesbare Werk Zwanghaft zerstreut der beiden selbst von der Krankheit betroffenen Psychologen Hallowell und Ratey gibt einen behutsamen Abriss über das Thema, der vor allem Angehörigen von erwachsenen ADHS-Patienten (zwei Drittel der erkrankten Kinder nehmen, unbehandelt, das Syndrom mit in ihr späteres Leben) Orientierung und Hilfe bietet.


Und warum schreibe ich das alles? Weil die Kölner Autorin (und Journalistin, und Regisseurin, und verdammt gute Köchin) Ute Wegmann es geschafft hat, diesem Thema ein Buch zu widmen, ohne dass darin die Abkürzung ADHS bzw. die Anwendung selbiger Vokabel auf ihre damit geschlagene kindliche Protagonistin auch nur einmal vorkommt. Vielleicht liegt das daran, dass man Weit weg … nach Hause auch als Mobbing-Geschichte lesen kann, doch greift diese verlockend nahe liegende, aber eindimensionale Lesart viel zu kurz: Das Mobbing, dem die Heldin Luisa ausgesetzt ist, ist nur die Konsequenz ihrer Zerstreutheit, einer keineswegs bewusst vorangetriebenen, sondern sich stets assoziativ ergebenden Flucht in immer neue Traumwelten, durch die das Mädchen sich seiner Umwelt entfremdet. Wegmann gelingt es dabei bravourös, uns zusammen mit Luisa in deren verträumte Welt zu versetzen und konsequent die abgelenkten Blickwinkel des Mädchens einnehmen zu lassen – angesichts des facettenreichen Themas ein nicht wenig akrobatisches Kunststück, dass an Eleganz noch dadurch gewinnt, das schon Leser ab 10 Jahren es spielend goutieren können.



Ein hübscher zusätzlicher Salto ist der, dass Luisas zentrale Wut auf ihre Eltern von Wegmann nicht mit schriftstellerischer Selbstgerechtigkeit bewertet wird: Die Mutter ist eine egozentrische Schauspielerin, der Vater das Opfer einer tödlichen Überdosis von zu viel EMMA- und Brigitte-Lektüre, und doch sind beide entschieden sympathisch-menschlich. Das Resultat ist eine Art schleichende Empathie, die den Leser von Weit weg … nach Hause spätestens dann hinterrücks überfällt, als Luisa aus ihren erträumten Fluchten eine wirkliche und gefährliche macht, zuletzt aber doch noch alles gut ausgeht: Gegen Ende der Lektüre brach ich völlig unvermutet in Tränen aus.

(Hinter dem Hintergrund: Neulich, bei der LitCologne, unterhielt ich mich mit Kirsten Boie über ADHS. Von ihr stammt der Lesetipp zu Zwanghaft zerstreut. Im Rahmen der LitCologne INTERVIEWTE mich außerdem Ute Wegmann zu Rico, Oskar und die Tieferschatten. Da auch Rico ein Tagträumer ist, der sich, ähnlich wie Luisa, gern in Abschweifungen verliert, hatten wir schnell ein gemeinsames Thema.)


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