Mittwoch, 23. Dezember 2015

Sterne und Trabanten (2)

Die Keimzelle zu Wenn mein Mond deine Sonne wäre bildete das Musikstückchen Der Mond über den Wiesen aus Prokofjews kleinem Orchesterwerk Ein Sommertag (op. 65). Nahezu alle meine Bücher entstehen aufgrund eines plötzlichen Bildeindrucks; hier war es der von einem riesigen hellen Mond über einem dunkel gesäumten Tannenwald; ein kleiner Junge hastet vor dem Wald von links nach rechts durchs Bild. Und dieser Junge sah – ebenso Wald, Himmel, Mond – haargenau so aus, als entstammte er einer Zeichnung von Jean-Jacques Sempé. Ich liebe Sempé, seit ich als Kind den von ihm illustrierten Kleinen Nick kennen lernte. Mir gefällt sein klarer, leicht reduzierter Strich. Vor allem aber gefällt mir Sempés zurückhaltender Umgang mit Farben, die nie aufdringlich wirken, weil sie dazu viel zu blass sind, selbst wenn sie kräftig erscheinen. So etwas wollte ich für mein neues Buch: ein Sempé-Kind vor einem Sempé-Wald, der dunkel war und dennoch transparent, und einen Sempé-Mond ganz hell, aber nie durchsichtig.


Sempé (Jahrgang 1932) weilt noch vergnügt unter den Lebenden, dürfte aber weder auf Prokofjew noch auf Steinhöfel warten, um mal wieder was zu tun zu haben. Doch meine Ansage an den Verlag war gemacht: Ich hätte gern… Und der Verlag (namentlich die wunderbare Sabrina Janson) zauberte Nele Palmtag aus dem Hut. Meine allumfassende Unkenntnis deutscher Autoren und Illustratoren ist fast schon legendär, diese Palmtag sagte mir also nichts. Aber ich guckte nach, zum Beispiel beim bebilderten Interview hier, und dachte, na ja, transparent genug kann sie ja, ansonsten aber ist ihr Stil mir etwas zu … füllig? Kleinteilig? Zu viel Bunt und Schraffur bei zu wenig einfarbiger Fläche?


Es war, wie sich herausstellen sollte, zu sehr alles, was ich jetzt an Wenn mein Mond deine Sonne wäre schätze und liebe und nie wieder hergeben würde. Die Palmtag ging dabei raffiniert vor (womöglich hatte die Janson sie instruiert): Kaum war mein zögerliches Okay, sie kann es ja mal versuchen gegeben, verschwand sie für sechs Monate völlig aus meiner Wahrnehmung, so dass ich das Buch einfach vergaß, man hat ja noch mehr zu tun. Um mir dann unangekündigt ein PDF mit allen Bildern zu schicken, das mich völlig überrumpelte. Völlig überrumpelt heißt: Ich gucke da rein und fang an zu heulen, weil das von Nele Erschaffene einfach so schön ist, so passend zum Text, noch passender zum Subtext, so stark in seiner Symbolkraft, so überlegt und so voller Verständnis für den kleinen Helden der Geschichte.



Ich habe Nele nie nach ihrem Honorar gefragt, hoffe aber, dass der Verlag für ihr himmelviele Arbeit ordentlich was hat springen lassen – jeder weiß, wie unverschämt beschissen Illustratoren in der Regel entlohnt werden. Aber ein Teil des Lohns ist das, was entstanden ist, und persönlich werde ich Nele ewig dankbar sein für die perfekte Umsetzung einer Geschichte mit Musik, die nun ohne ihre Bilder gar nicht mehr denkbar ist.

(Ein langes Gespräch zwischen Nele und mir kann man hier anhören; eine schöne Besprechung des Buches findet sich hier.)
LZ

Kommentare:

Jennifer Trautmann hat gesagt…

Vielen lieben Dank für den Link zum Lese(t)räumchen! Mein erstes Weihnachtsgeschenk! :))) Sonnige Grüße! :o)

Patrick Wirbeleit hat gesagt…

Mein Lieber,
ich muss zugeben, dass ich noch nicht die Gelegenheit hatte ins Buch zu lesen, schauen oder zu hören. War aber von den Bildern in der Verlagsvorschau ebenfalls so beeindruckt, dass ich die Kollegin gleich mal im Internet nachgeschaut habe.
Leider fallen die Illustratoren und -rinnen in der allgemeinen Wahrnehmung ja oft hintenüber. Und das -kombiniert mit der eher mäßigen Bezahlung- kann hier und da über die Jahre doch mal zu Frust führen. Ich freue mich daher sehr, dass dir als Autor die Bilder gefallen und du dies auch noch in aller Ausführlichkeit öffentlich teilst! Schönes Ding. :)

Ich wünsche dir ein tolles und inspirierendes Jahr 2016!
Herzlichst,
p.

Jennifer Trautmann hat gesagt…

"Wenn mein Mond ..." steht jetzt auch auf der Kinderbuch-Empfehlungsliste des Deutschlandfunks für Februar! :)
http://www.deutschlandfunk.de/kritik-die-7-besten-buecher-fuer-junge-leser-im-februar.1202.de.html?dram%3Aarticle_id=341757