Mittwoch, 31. Oktober 2012

Die Tonne

Bis weit in den Sommer hinein haben mich die recht aufwändigen Arbeiten an einem Projekt auf Trab gehalten, das nun leider doch nie das Licht der Welt erblicken wird. Die Idee war hübsch: Rico und Oskar sollten, nach dem Ende der dreibändigen Saga um ihre Abenteuer (und vor allem um ihre Freundschaft) in einem erzählenden Sachbuch ihren Fans, mir und meinem Steuerberater erhalten bleiben. Der schlichte Arbeitstitel Rico, Oskar und die Kunst hätte wahrscheinlich, kleiner gedruckt, unter dem eigentlichen Buchtitel gestanden; geplant war ein witziger Streifzug durch die Kunstwelt der Moderne, immer angetrieben von Ricos Frage: Und was ist daran die Kunst?



Stilistisch und dramaturgisch hatte das geplante Buch kaum etwas mit den Rico-Vorgängern gemein. Das Format wäre ein völlig anderes gewesen, ebenso die Außen- und Innengestaltung. Peter Schössow war zuständig für die Illustrationen, Marcel Mieth für die Herstellung jene Werke, die Rico im Verlauf der Handlung selber nach und nach erschafft (anfangs ohne dabei zu begreifen, dass er Kunst fabriziert). Sechs Monate lang hatte ich Aberhunderte von (dann im Buch abzubildenden) Gemälden, Skulpturen, Grafiken, Installationen, Objekten, Gott weiß was, auf ihr Potenzial hin abgeklopft, wie sie in die geplante Rahmenhandlung passen, sie voranbringen oder konterkarieren mochten. Die ersten Kapitel wurden geschrieben, mehrfach verworfen, neu verfasst, umgeschrieben … sich an ein solches Sujet heranzutasten, ist eine Zeit fressende Aktion. Bei Carlsen wurden derweil Formate gewälzt, Kalkulationen erstellt, Schössow lieferte die ersten (himmlischen!) Bilder ab, Mieth eine Reihe zum Niederknien schräg-schöner Rico-Kunstwerke (das goldige obige stammt allerdings nicht von ihm).

Herz der Aktion war ein bedeutendes Kunstmuseum, in dem, um das herum und gänzlich bezogen auf dessen Kunstsammlungen die Geschichte stattfinden sollte. Tatsächlich war die ganze Idee zum Buch überhaupt erst aus einer ganz anderen Anfrage dieses Museums an mich entstanden. Leider waren es dann irgendwelche Kräfte ebendieses Museums, die dem Spaß ein frühzeitiges Ende bereiteten. Plötzlich (wie in: sehr plötzlich, sehr unerwartet und vorher nie abgesprochen) wurden Wünsche zur Einflussnahme auf die schriftstellerische, inhaltliche sowie künstlerische Ausgestaltung des Projekts geäußert, wie man sie als freier Künstler – und wir waren immerhin drei davon – nun mal nicht gerne an der Backe hat. Unglücklicherweise wurden diese Forderungen erst laut, als wir alle schon mitten in der Arbeit steckten und bereits jede Menge Zeit und Herzblut investiert hatten. Noch unglücklicher ist die Tatsache, dass das Buch dermaßen eng auf jenes Museum zugeschnitten war, dass ein Umschreiben (tausche Museum A gegen beliebiges Museum B) völlig außer Frage stand und steht. Das Teil ist gestorben. Schlimmer noch: Die Begeisterung aller daran künstlerisch Beteiligten dafür ist es inzwischen auch. Ein Jahr Arbeit für die Tonne, Deckel drauf und zu.



Am Dienstag, 20. November werde ich in Kassel im Rahmen der Reihe Autoren lesen an der Uni die existenten Fragmente zum Buch zum Besten geben und dabei – vermutlich ein wenig gehässig – referieren über die Freiheit der Künste, Autoren als Dienstleister, als Mimosen und so weiter. Der Vortrag beginnt um 19 Uhr (Uni Kassel, Kurt-Wolters-Straße, Raum 0012), der Eintritt ist frei. Für  mich ist es der einzige öffentliche Auftritt in diesem Herbst/Winter (sieht man von der Buchmesse in Montreuil ab, wo ich Ende November ein bisschen die Werbetrommel für die witzigen französischen Rico-Ausgaben rühren werde). Da außerdem im Dezember bekanntermaßen die Welt untergeht, könnte dies die letzte Möglichkeit, mich live zu erleben. Wir sollten Müffelchen und dergleichen mitbringen …