Donnerstag, 17. November 2011

Wolkig bis heiter

Brüderchen Dirks umfangreiche Bebilderung von P.B. Shelleys Die Wolke wurde von der Kritik verdammt gut aufgenommen. Meine Übersetzung dieses wunderschönen Gedichts – ein Vorzeigewerk der englischen Romantik, Abteilung Naturlyrik – ebenfalls. Alles gut? Alles gut! Vor allem die Tatsache, dass digitales Arbeiten zunehmend als künstlerischer Akt begriffen wird. (Einem ebenso eifrig gehegten wie dümmlichen Vorurteil zufolge überlassen Illustratoren, die digitale Bilder erschaffen, dem Computer sozusagen per Knopfdruck den schöpferischen Akt. Während uns Autoren noch nie unterstellt wurde, dass wir – dank passender Textverarbeitungs-Software – dieselbe Maschine unsere Bücher für uns schreiben lassen.)


Was mich an der Zusammenarbeit mit Illustratoren immer wieder neu fasziniert, ist das Erkennen meiner eigenen mangelnden Imagination, sobald es darum geht, eine Textvorlage zu bebildern. Bei mir funktioniert es ja eher umgekehrt: Ich sehe ein Bild und es spinnt sich quasi von selbst um dieses herum eine Geschichte.


Zu Shelleys Versen wäre mir daher wohl bestenfalls einer dieser niedlichen Erbauungs-Bildbände eingefallen (achtundzwanzig verschiedene Wolkenbilder), die beim Betrachter gern alles mögliche erregen – hauptsächlich meditative Ruhe, wenn auch niemals, niemals den Wunsch, sofort einen Fesselballon zu besteigen.


Dirk hat aus dem Gedicht ums Werden und Vergehen eine Story gemacht, bei der man genau hinschauen muss, wenn man sie im ersten Anlauf dechiffrieren will. Der Junge, der auszieht, um mittels Feuer, Erde, Luft und Wasser eine uralte Wolkenmaschine in Gang zu setzen, muss zuletzt erkennen, dass es ihm in seinem Schaffensdrang nicht anders ergeht wie dem zu erschaffenden Werk: Beides ist flüchtiger Natur, nicht zu vollenden. Bei aller Veränderung, die unsere Reisen eventuell in uns bewirken, führen sie uns oft doch nur wieder zurück zu deren Beginn (ein Thema übrigens, wie ich es in Die Mitte der Welt zirkelhaft mit der An- und Abreise eines Schiffes bebildert habe). Zuletzt können wir die Staffel immer nur an andere weitergeben.

LZ