Mittwoch, 6. Juli 2011

Rico, Oskar und die Technik

Gestern gingen die zweiten (und letzten) Korrekturfahnen für Rico, Oskar und der Diebstahlstein über den Tisch. Im Lektorat selber gab es eigentlich kaum etwas zu tun (bis auf eine kleine Debatte über politische Korrektheit, in der ich mich zuletzt geschlagen gab), auf der technischen Seite aber umso mehr. Für diejenige, die so etwas interessiert:

Den wenigsten Lesern wird es auffallen, aber in allen Rico-Bänden endet jedes Kapitel auf einer linken Buchseite. Rechts gegenüber beginnt dann jeweils das nächste Kapitel mit einer Illustration. Es ist fast unglaublich, aber diese Links-Rechts-Ausrichtung hat sich bei Band 1, also den Tieferschatten, einfach passend so ergeben. Weshalb meine Lektorin und ich dann einigermaßen überrascht (und nachfolgend entsetzt) waren, als die Herstellungsleitung verkündete, im Herzgebreche sei dies leider nicht mehr der Fall: Es endeten Kapitel auf einer rechten Buchseite, mithin wäre nach dem Umblättern die linke Seite leer, die Illustrationen gegenüber hingen also in so einer Art ästhetischer Luftleere.



Was bedeutete: Jene Kapitel, die rechtsseitig endeten, musste ich wahlweise kürzen oder verlängern, um sie linksseitig endend hinzukriegen. So etwas ist schon unter normalen Voraussetzungen ätzend, denn hätte ich mehr (oder weniger) schreiben wollen, hätte ich das schließlich getan. Das Ärgernis wurde noch dadurch verkompliziert, dass die Lexikon-Kästchen ebenfalls nicht getrennt sein dürfen. Und wer jetzt glaubt, na ja, das kriegt man doch irgendwie hin, der musste vor so einer Aktion nicht die Fahnen von so genannten Hurenkindern säubern, die ihr Scherflein zum allgemeinen Verschiebe-Chaos beitragen. Ganz großes Kino.

Auf diese Weise entstand zum Beispiel die Ode bzw. die Odu an Porsche im Herzgebreche, und im neuen Buch kamen zwei Lexikon-Kästchen hinzu. Was rausgeworfen wurde, habe ich schleunigst vergessen … so etwas schmerzt dann doch immer ein wenig. Den Rest erledigen die in ihrer Höhe anpassbaren Vignetten der Bingokugeln zwischen den Szenen innerhalb eines Kapitels.

Und wie auch immer: Rico, Oskar und der Diebstahlstein ist endgültig im Kasten, geht soeben in Druck, wird mit stolzen 330 Buchseiten wieder herauskommen und Ende September im Buchhandel aufschlagen, einmal mehr versehen mit den großartigen Schössow-Illustrationen, von denen, neben dem Titelbild, eine bereits hier zu bewundern ist. Eine Leseprobe (zum Herunterladen als PDF, da ist auch noch eine Illu bei) gibt es unter diesem Link. Ende Juli lese ich das Hörbuch ein; es erscheint dann zeitgleich mit dem Hardcover.


Und das war's mit den Jungs. Okay, fast ... Ich hatte ja mal angedacht, vier Bände zu verfassen, des großen inhaltlichen Umfangs wegen. Aber die Story, die den ursprünglichen dritten Band ausgemacht hätte, wäre recht kurz gewesen, die vierte unverhältnismäßig länger. Weshalb die unterschlagene dritte Story im jetzigen Band 3 nur kurz angerissen wird, und zwar unter Ricos Hinweis darauf, das dazugehörige Tagebuch sei sowieso "nach den Kampfhandlungen verloren gegangen". Schick, oder? Falls meine Rente mal knapp wird, haue ich dann einfach Ricos verlorenes Tagebuch raus und kann mir eine schicke Herz-Lungen-Maschine im Steampunk-Design leisten.
LZ

Kommentare:

  1. Moin Andi,
    was für ein Albtraum!
    Aber spannend, dass du deine Leser daran teilhaben lässt. In meinen Lesungen in Schulen zeige ich den Kindern auch immer gerne in kurzen Abrissen, wie ein Buch überhaupt entsteht und bringe immer auch mal eine Seite lektorierten Text und einen Auszug aus den Druckfahnen mit. Die lektorierte Seite stößt stets auf viel Begeisterung: Ha! Auch Schriftsteller kriegen Formulierungen angestrichen und machen Schreibfehler!
    Die Druckfahnen stoßen eher auf Entsetzen - vor allem bei den anwesenden Erwachsenen: Wie? In dem Buch stehen Sätze, nur damit die Seite voll wird? oder Wie? Da werden Wörter weggenommen, nur damit es passt? Tja ...

    Und dabei waren meine Druckfahnen im Vergleich zu den Rico-Anforderungen stets noch harmlos.
    Ich hasse das "Hinzufügen" übrigens weitaus mehr als das "Kürzen". Was daran liegen mag, dass das Kürzen ja irgendwie zum Berufshandwerk gehört. Da streicht man auch mal noch einen halben Satz mehr weg. Aber etwas künstlich aufblasen, nur damit die Optik stimmt - grauenvoll.

    Glückwunsch, dass du das hinter dir hast. Und die Idee mit dem verschwundenen Tagebuch ist grandios! Bevor du es veröffentlichst, kannst du noch eine virtuelle Suche danach veranstalten, einen Rico-und-Oskar-suchen-das-Buch-Vergnügungspark eröffnen, eine Homepage für deine Fans ins Leben rufen und sie auffordern, eigene Tagebucheinträge zu schreiben, hach - ich hör jetzt auf. Mann, Mann, Mann - was freu ich mich auf Band 3!
    Liebe Grüße in die Pampa
    Jutta

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  2. Das ist eine sehr hübsche Idee, Korrekturfahnen mit in die Schulen zu schleppen. Hätte ich selber drauf kommen können, irgendwann in den letzten 20 Jahren. Aber womöglich hatte ich wenig Zutrauen ins technische Verständnis mancher Schüler. Einer fragte mal, nach dem Hinweis auf eine 100.000-er Auflage, wann ich die Bücher denn alle tippe oder ausdrucke ... so etwas würde doch ewig dauern (und nee, war kein Grundschüler).

    Ich überlege ja immer wieder gern, ob Größen wie Thomas Mann oder Günther Grass oder so sich auch mit Hurenkindern und Schusterjungen rumschlagen mussten, oder ob da nicht einfach beim Setzen in der Druckerei clever geschummelt wurde und wird.

    Ach ja, und der Themenpark: Vorgestern der Carlsen-Programmchefin nochmals versichert, wie froh ich darüber bin, dass ich vom Merchandising-Kacka verschont bleibe. Bis auf kleine rote Ansteckfliefer würde mir persönlich sowieso nix einfallen ... aber die Kohlemacher sind ja kreativ, wenn's darum geht, den gefühlten Untergang des Abendlandes möglichst bunt und formschön zu gestalten.

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  3. Wer hätte gedacht, daß man sich mit so etwas herumschlagen muß... Auch von mir ein großes Dankeschön für diesen Einblick in die druck- und verlagstechnischen Feinheiten (oder sollte man besser sagen: Gemeinheiten?) des Autorenlebens.

    Ich bin wirklich ein bißchen geschockt über den Umgang mit den kreativen Erzeugnissen anderer Leute. Man denkt sich doch, was da zwischen den Deckeln eines Buches steht, wäre genau das, was der Autor sich dabei gedacht hat … da macht doch die Kreativität schon wieder etwas weniger Spaß, wenn man weiß, da wird irgend jemand wollen, wegen ein paar Schusterjungs, Hurenkinder und Bastarden noch etwas hinzuzufügen, was gar nicht reinsollte, oder wegzustreichen, das es sollte…

    Nun ja, ich rege mich einfach mal nicht auf, sondern freue mich, daß alles seinen Gang genommen hat und das Buch nun wie geplant erscheinen kann.

    Glückwunsch zur genommenen Hürde ;)

    PS: Wie stehen die Chancen – so in 50 bis 70 Jahren ;) – auf eine Ausgabe letzter Hand des Autors? So, wie es sein sollte! ^^

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  4. Ah, ja, so einen Director's Cut, oder zwei ... Mein Brüderchen hütet noch eifersüchtig das Original von "Die Mitte der Welt"; selber haue ich praktisch alle Daten, Korrekturfahnen etc. irgendwann in die Tonne.

    Und so schlimm ist es eigentlich nicht mit dem Ausbessern, zumindest was die Substanz angeht - es kommt ja auch vor, dass ich selber Sachen verwerfe, die dann - dank technischer Widrigkeiten - doch noch Unterschlupf im Text finden.

    Der ganze Aufriss als solcher hingegen ist extrem nervig. Im dritten Rico sind manche Kapitel extrem lang. Da bietet sich dann vielleicht ein Wörtchen zum Streichen auf einer zweiten oder dirtten Seite an, aber dadurch verschiebt sich alles Nachfolgende derart, dass nachher mehr Chaos herrscht als zuvor. Aber weiter hinten will es womöglich partout nicht passen ...

    Unterm Strich denke ich shcon, das jede rAutor letztlich zufrieden ist; schließlich bleibt uns ja sozusagen die kreative Kontrolle über den Text erhalten. Aber mehr als einmal im Jahr braucht man solche Veranstaltungen echt nicht ... kostet zu viel Lebenszeit. Und das sage ich als ausgewiesener Form-Fetischist.

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  5. Hallo Andreas,

    wir haben vor Jahren am Ende Deiner Lesung in Kiel mal darüber gequatscht, dass man lieber "Die Säulen der Erde" liest als Magisterarbeiten zu schreiben, ein oder zwei Jahre später war ich dann zur Lesung in Leipzig, bei der Du aus dem unveröffentlichten Roman "Das Haus auf der Marsch" (oder zumindest sehr ähnlich) gelesen hast. Seitdem warte ich auf die Veröffentlichung dieses Romans - bitte sag mir, dass Du das Projekt nicht auf Eis gelegt hast, ich fand die beiden gelesenen Ausschnitte absolut großartig und will endlich wissen, wie es weitergeht (das will ich genau genommen seit fünf Jahren wissen)!
    Liebe Grüße aus Kiel,
    Susanne

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  6. Hey Andreas! Da ist man längerer Zeit nicht vorbei gesurft und auf dem Stand "Andreas im Kampf mit dem Renovierungsdämonen"und dann das neuer Lesestoff ist so gut wie im Laden und und und..Super!gratuliere! Und vielen Dank für den kleinen aber feinen Einblick in deine Welt.So etwas interessiert mich ja immer sehr denn davon erfährt man ja sonst kaum etwas.
    Ich hoffe dein Haus ist nun fertig und ich kann in naher Zukunft wieder mal eine Löwenzahn Geschichte aus deiner Feder sehen und falls es mal möglich ist über ein Drehbuch oder nur nen Teil davon für meine Sammlung würde ich mich freuen:)
    Alles liebe und viele viele Grüße aus Berlin
    Sascha
    www.loewenzahnfanclub.de

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  7. Hi Sascha,

    das Haus geht jetzt in die zweite große Runde - dauert noch eine Weile, aber irgendwann fehlt dann nur noch ein hässlcher Teppich. Weißt schon: So einer, der das Zimmer erst richtig gemütlich macht - wie beim Dude :)))

    Bei Löwenzahn bin ich ab nächstem Jahr wieder dabei. Ich werde mal bei der Redaktion anfragen, ob man dem Fanclub ein Skript überlassen kann; von meiner Seite aus auf jeden Fall: gern. Ich melde mich!

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  8. @ chaosqueen (Susanne): "Das Haus in der Marsch" liegt zwar auf Eis, wartet aber geduldig aufs Auftauen. Ich treffe übernächste Woche meinen Verlger, mit dem ich die Reihenfolge der nächsten Bücher durchplane. Sieht ungefähr so aus:

    Der nächste Titel (für den Herbst 2012) steht bereits fest, den gehe ich kommende Woche (Recherche) an.

    Danach könnte es mit dem "Haus" weitergehen, oder aber mit dem dicken Roman für Erwachsene, der auch schon seit Ewigkeiten in der Pipeline hängt. Außerdem sind da noch zwei Kinderbuch-Ideen, von denen die eine mehr, die andere weniger ausgereift ist.

    Aus dem Bauch heraus würde ich am liebsten zunächst eines der beiden begonnenen Roman-Projekte beenden (und darunter den Erwachsenentitel zuerst), damit wenigstens einer davon endlich wieder Speicherplatz in meinem Kopf (und Herz) belegt. Die etwas ausgereiftere Kinderbuch-Sache ist aber auch sehr reizvoll ... Mal schauen. Ich höre mir einfach an, was mein Verleger dazu meint und mache dann das Gegenteil :)))

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  9. Hallo Andreas,

    wunderbar, dass das Haus in der Marsch nicht gestorben ist, sondern nur auf Eis liegt - ich bin ja dafür, dass es ganz bald wieder auftauen darf! ;o)

    Sich anzuhören, was der Verleger will, und dann das Gegenteil zu machen, halte ich übrigens für ein sehr gutes Rezept! :o)

    Ich wünsche auf jeden Fall viel Spaß bei allen Projekten und bin gespannt, was ich dann als nächstes lesen darf!

    Herzliche Grüße,
    Susanne

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  10. Lieber Andreas Steinhöfel,
    auch wenn ich Ihnen nicht wünsche, dass das Geld ausgeht, hoffe ich doch sehr auf einen vierten Band. Und zwar nicht erst, wenn Sie in Rente sind, das dauert mir zulang. Die Rico-Oskar-Bücher sind nämlich meine Lieblingsbücher und der dritte Band kam passender Weise raus, als wir an der Ostsee waren. Weshalb ich den Band gleich dort gelesen habe. Kann aber gern noch mehr vertragen und bin da sicher nicht der einzige.
    Also vielleicht doch? Vielleicht! Ich würde mich sehr freuen.
    Liebe Grüße Oskar aus Kreuzberg (jetzt auch mit peruanischer Bommelmütze unterwegs)

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  11. Hallo Oskar, coole Idee, das mit der Bommelmütze! :))

    Rio und Oskar werden nächstes Jahr wider aufkreuze; zwar nicht mehr im bekannten Berliner Umfeld, aber immerhin wenigstens in einem Sachbuch. Ein Blog-Eintrag dazu folgt in Kürze. Ich überlege jetzt schon, was ich Oskar in diesem Projekt auf die Ömme gebe ...

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