Donnerstag, 1. April 2010

Nussgeschmack

Vorgestern besuchte ich die beste Freundin. Sie ist eine ausgesprochene Bilderbuch-Liebhaberin (das meint auch ihr treuer Gatte) und zu meiner Überraschung entdeckte ich bei ihr den Lari Fari Mogelzahn vom Janosch. Das Büchlein lag mutterseelenallein auf jenem Beistelltisch, der alles beherbergt, was bei der besten Freundin in Ungnade gefallen ist und deshalb demnächst verschenkt oder ins Antiquariat abgeschoben wird.


mogelzahn2_copyright_SZ

Die beste Freundin würde mir niemals ein Buch vom Beistelltisch unterjubeln. Stattdessen hält sie in Antiquariaten und auf Flohmärkten Ausschau nach Preziosen, die mir eventuell unbekannt sind, aber mein Gefallen erregen könnten, und so schenkte sie mir dieses Mal zum Abschied ein Büchlein von John Burningham, zur Weitergabe an meine Nichte: Im Schnee. Kannte ich noch nicht. Den Burningham schon. Weshalb er demnächst einen Extra-Beitrag kriegen muss, denn um eines seiner Werke rankt sich ein zartes nostalgisches Trauma meinerseits.

Doch zurück zum Mogelzahn: Ich weiß nicht mehr, wie ich als Kind an den kam. Von Eltern oder Verwandten dürfte ich ihn nicht geschenkt bekommen haben; denen wäre schon der progressive, grell orangenfarbene Einband suspekt gewesen. Wohl eher von der Patentante, einer um mein literarisches Wohl besorgten Bibliothekarin aus dem fernen Reutlingen, die Jahre später mal weit über ihren Schatten sprang, als sie – da war ich schon Teenager und hegte eine Vorliebe für billige Phantastik – mir eine Anthologie guter Horrorgeschichten schenkte. Hardcover.

Aber als Kind … Ich mochte dieses orangefarbene Buch nicht. Leider besaß ich nicht so viele Bücher, als dass ich es mir hätte leisten können, den Mogelzahn nicht zu lesen, ihn sogar mehrfach zu lesen, weil ich mir ja nicht alle zwei Wochen Jim Knopf aus der (heute noch) beklagenswert schlecht ausgestatteten Bibliothek meiner Heimatstadt leihen wollte.

gnu-free-Bundesarchiv_DH_2_Bild-A-00867,_KinderzimmerschrankUm es brutal auszudrücken: Der Lari Fari Mogelzahn hatte so ziemlich alle Qualitäten, die ich heute noch an Kinderbüchern scheiße finde. Ich gehe sogar so weit, zu behaupten, dass der Mogelzahn meinen Geschmack überhaupt erst prägte, mithin also der Janosch dafür verantwortlich ist, dass ich ein Kinderbuchautor geworden bin, denn ich wollte es ja besser machen. Nicht besser als der Janosch – ich werde mich hüten, blasphemisch zu werden und es besteht dazu auch kein Grund, denn viele seiner Werke finde ich großartig. Aber auch nicht so … so … so offenkundig hintenherum.

Jeder weiß, dass die meisten Kinder Gedichte mögen, dass sie gern mit Sprache spielen und sich totlachen können über Wortverdreher, über alliterativen Nonsens oder sprechende Namen. Es werden, immer noch und immer wieder und Gott sei Dank, jede Menge Bücher verfasst für solche Kinder. Aber zu diesen Kindern gehörte ich nicht. Ich war ein ernstes Kerlchen, damals wie heute rationaler, als es gut für mich war, erfüllt von einer ausgesprochenen Abneigung gegen plakativen, sich anbiedernden Humor. Das Krokodil Belebamfidelradatz mit seinem Kind Belebamfidelradieschen war …. nicht witzig! Das Gedicht gleich auf der ersten Seite: nicht witzig, und sowieso holperte die Schlusszeile, und wo wir schon beim Holpern waren, so überlegte ich damals, sollten Verlage gefälligst Leute einstellen, die sich um vom Autor übersehene Logikfehler wie den folgenden kümmern sollten:

Kaum hat Lari Fari zu Ende gesungen [das Geholper nämlich], da kommen aus der geheimnisvollen Kiste die anderen Spielzeugleute und werden lebendig.

Ein Lektor hätte mich vielleicht auch darüber aufklären können, warum der Janosch mitten im laufenden Text die Zeiten wechselte, vom Imperfekt zum Präsens und wieder zurück, meistens dann, wenn der quasselige Tintenkapser eins vom Fidelbär auf die Mütze kriegen sollte. Einfach so. Ich hatte es nicht so mit Grammatik, aber das hier, beschloss ich, war eindeutig falsch.

gnu-free-Minkowski-Diagramm_-_Kausalität
Noch schlimmer wog, dass ich ein moralisch unbestechliches Kind war, weshalb ich den ehrlichen Löwen Hans, der dem Mogelzahn regelmäßig androht, ihn aufzufressen, sobald er ihn bei einer Lüge ertappt, als erstunken und erlogen empfand, weil das Leben mich längst gelehrt hatte, dass es ohne Lügen nicht geht, bestimmt auch nicht bei einem Löwen, auch wenn der Janosch sich den gut ausgedacht hatte: Wenn überhaupt, musst du sehr stark sein, um auf der Wahrheit beharren zu können.

Warum, um alles in der Welt, las ich dann immer wieder dieses Buch? Weil es nicht nur doof, sondern auch toll war. Den Standardsatz des Nussknackers, sein berühmtes "Aber dann kam ich!", wann immer er zuvor eine eigentlich unlösbare Situation ersponnen hatte, fand ich toll. Ich mochte den kaputten Hund mit den drei Beinen und ohne Schwanz, der immer weinen muss, wenn der Fidelbär so schön fiedelte. Mir gefiel der Humor der Story immer dann, wenn er ins Absurde glitt, wie bei der Beschreibung eines Diebs, der mal ohne Mütze herumging, "dann wieder ohne Hut. Oder er hatte keinen angeklebten Schnurrbart im Gesicht." Und ohne zu hinterfragen, wie ihm das gelang, gefiel mir außerdem, wie der Janosch mit seiner auktorialen Erzählweise mich zum Komplizen des lügenden Nussknackers machte: Als der Mogelzahn dem ehrlichen Löwen Hans auftischt, er habe früher Mehl gemahlen mit seinem Mehlmahlegebiss, präsentiert er ihm zum Beweis den Rücken: "Es rieselte ihm hinten etwas Mehl heraus. Aber das war von einem Holzwurm."

gnu-free-Anobium_punctatum_under
Trotzdem hätte ich gern gesehen, dass der Mogelzahn vom Löwen verputzt wurde. Er trug einfach zu dick auf. Er log, um Himmels willen, und schaffte es dabei auch noch, den ehrlichen, aber leider strunzdummen Hans immer auch noch so zu verarschen, dass der jede Lüge für bare Münze nahm! Dass diese Lügen, wie jede künstlerische Fiktion, den Kistenbewohnern wie dem Leser vornehmlich der Unterhaltung dienen sollten, war mir egal. Der Mogelzahn log und, bei aller damit einhergehenden überbordenden, stellenweise mich überfordernden Phantasie, bei allem Spaß, den ich damit hatte: Er kam mit seinen Lügen auch noch davon!

Das passte zum Duktus der neuen Kinderliteratur der beginnenden Siebziger. Kinder andere Haltungen einnehmen lassen, ihnen die Welt öffnen, sie direkt ansprechen, sie sensibel machen nicht für Traumwelten, sondern fürs Alltägliche, bewusst auch fürs Problematische und das auf sprachlich anspruchsvollem Niveau – all das und vieles mehr hatte der großartige Hans-Joachim Gelberg sich auf die Fahnen geschrieben, als er 1971 Beltz und Gelberg gründete. Der Mogelzahn, mit dem Untertitel Jeden Abend eine neue Geschichte, erschien gleich im ersten Verlagsjahr, das war eine gute und glückliche Wahl, auch wenn sie den kleinen Andreas nicht begeistern konnte. Bei ihm überwog der moralische Verdruss. Vielleicht war er aber auch einfach nur zu geschmäcklerisch und ist es noch. Nusseis konnte ich ja auch nie leiden. Und ganz vielleicht ärgerte ich mich damals sowieso nur deshalb, weil der Lari Fari, ganz im Gegensatz zu mir, nie beim Lügen erwischt wurde. Weil er nie einen roten Kopf bekam und zu stottern begann, so wie ich. Weshalb ich irgendwann beschloss, das mit dem Lügen einfach zu lassen.

Lari Fari Mogelzahn wird 2011 vierzig Jahre alt. Er wird immer noch aufgelegt, wenn auch zur Zeit lediglich als Hörbuch mit sehr populären Sprechern (das Buch selbst kann man immerhin als Restbestand aus der bei SZ-Kinderbuchreihe bei den üblichen Verdächtigen ergattern). Das muss man ja erst mal hinkriegen. Ich wünsche dem Nussknacker, den ich immer noch nicht wirklich mag, schon jetzt einen schönen Geburtstag. Ganz ehrlich und nicht gelogen.
weiß

1 Kommentar:

Jutta Wilke hat gesagt…

Ach ja, der Lari Fari Mogelzahn. Hat sich in meinen Kopf geschlichen und festgebissen, will da gar nicht mehr raus, fühlt sich wohl in mir, ich bin wohl seine Leib- und Magenspeise (um's mal auf Janoschisch zu sagen). Hängen geblieben sind auch all die anderen, die ich eigentlich nie so recht leiden mochte: Der Quasselkasper und der bunte Hund, der Kastenfrosch und vor allem Schnuddelbuddel. Schnuddelbuddeldaddeldu - ich bin ich und du bist du. Wie hat er das nur gemacht, der Herr Janosch, dass ich so etwas in meinem sonst eher vergesslichen Kopf behalte? Den Mogelzahn auf das besagte Beistelltischchen zu packen, finde ich eine gute Idee von der besten Freundin. Ich könnte noch ein paar Janosch-Bücher oben drauf legen, vor allem Omas liebe Märchenkiste könnte man weiterverschenken, wenn man einen nicht mag.
Apropos "mag" - um mal wieder die Kurve zur Eisdiele zu kriegen: Ich mag ebenfalls kein Nusseis!