Donnerstag, 8. April 2010

Klick-Bildung

Fragt sich irgendwer, wo meine Kolumne ZEIT-Abschnitte abgeblieben ist? Vermutlich niemand außer mir, macht aber nix. Ich wollte die Sparte trotzdem ein wenig aufpeppen, schließlich erscheinen in des deutschen Bildungsbürgers wöchentlich herausgegebenem Lieblingsbackstein hin und wieder feine Artikel zur Kinder- und Jugendliteratur. Allerdings, wie es aussieht, nur in der Print-Ausgabe. Online ist es damit, zu meinem Erstaunen wie zu meiner Verärgerung, so gut wie Essig.

Anlass genug, sich umzuschauen, wie neben der ZEIT andere überregionale Platzhirsche die Sache mit dem Kinder- und Jugendbuch handhaben. Schließlich wird jedes dieser Medien nicht müde, in regelmäßigen Abständen anzumahnen, wie wichtig Kultur und Bildung für die Kleinen und Heranwachsenden seien, wenn unser Planet nicht demnächst mit einem Salto über den gelben Doppelbogen Hops gehen soll. Und dass da das LESEN irgendwie dazugehört. Offenbar aber nur dann, wenn es ausreichend Klicks produziert. Denn so sieht's aus:


ZEIT Online

Vom Link auf der Hauptseite zur Kultur geht es, schön praktisch, umweglos ab in die Literatur. Aber nur in die für die Großen. Über die rechte Sidebar kommt man weiter zum LUCHS, aber auch nur zu dem. Die Hoffnung, irgendwelche anderen als LUCHS-bezogene Artikel zum Kinder- und Jugendbuch zu finden, kann man knicken. Nun ist der LUCHS eine ganze Menge mehr als nichts. Aber er ist eben auch nur: Ein Literaturpreis. Nicht gepreiste oder außerluchsig gepriesene Kinderbücher oder gar Artikel haben bei ZEIT-Online keine Chance.

FR-online.de (Frankfurter Rundschau)

Bei der Frankfurter Rundschau muss man sich via Startseite → Kultur& Medien → Literatur (nein, dort noch keine passenden Einträge) zum hauseigenen, in der rechten Sidebar auf sich aufmerksam machenden Literatur.Magazin vorkämpfen, um dort, mit etwas Glück, eine aktuelle Rezension zum Kinder- und Jugendbuch zu erhaschen. Direkte Verlinkung: Fehlanzeige. Der Fairness halber soll aber gesagt sein, dass eine solche aber auch zu anderen Sparten (Belletristik, Sachbuch) nicht existiert.


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sueddeutsche.de (Süddeutsche Zeitung)

Man muss lange suchen, um zuletzt nichts zu finden: Der Online-Ableger der Süddeutschen hat offenbar nicht mal eine Literaturseite. Zwar verlinkt die Hauptseite zur Kultur, so ganz allgemein, aber damit hat es sich dann auch schon. Lange nach der Leipziger Buchmesse findet sich ein aktueller Link zur Leipziger Buchmesse, wo aber offenbar das Kinder- und Jugendbuch auch nicht stattgefunden hat. Ansonsten besteht Kultur bei sueddeutsche.de aus belanglosen Videoschnipseln (Das Leben der Anderen … nein, nicht der Film), Kino (doch der Film) oder der Kolumne Deutscher Alltag, in dem das Buch und das Lesen aber auch keine große Rolle zu spielen scheint. Ich sag mal: Wow!

FAZ.Net (Frankfurter Allgemeine)

Von der Hauptseite kommt man über Feuilleton → Bücher zu allem, was es in der Heimstatt des geschätzten Herrn MRR zur Literatur zu sagen gibt. Das Kinder- und Jugendbuch braucht keinen Extralink, denn es findet sich - und das ist sehr schön, wenn auch unübersichtlich - in die restliche Lesewelt integriert. (Beim heutigen Stöbern stieß ich übrigens auf ein hübsches aktuelles Interview mit meinem englischen Verleger Barry Cunningham.) Leicht verbesserungswürdig, aber wenn schon mehr als wenig, dann wenigstens so.

Welt Online

Über die Kultur geht es zur Literarischen Welt, und dort sieht es ähnlich aus wie bei FAZ.net: Das Kinder- und Jugendbuch scheint eingereiht. Ob dem tatsächlich so ist, vermag ich schwer zu sagen, denn aktuell finden sich nur zwei zielgruppengerechte Links; der eine zu Biss der Arzt kommt und ein weiterer zum frisch gehypten Potter-Twilight-Klon Gezeichnet. Weil der Deutsche, auch der deutsche Teenager, dann eben doch alles kauft, wenn es bloß Spaß macht. Nur bitte nicht mehr, ginge es nach der WELT, Fräulein Hegemanns teilweise selbst geschriebenes Epos um die mexikanische Dauerlarve. Was mir die WELT richtig sympathisch macht.



Ende der kleinen Übersicht. Es irrt der Mensch, solang er strebt, wusste schon der Herr Geheimrat G. Weshalb ich für eventuelle Recherche-Fehler kniefälligst um Entschuldigung bitte und dazu auffordere, mir selbige (die Fehler) über die Kommentarfunktion nahe zu bringen, auf dass ich die eine oder andere der dargestellten Online-Präsenzen unverzüglich exkulpieren kann.

weiß

Kommentare:

  1. Hallo Andreas!
    Na,das freut mich ja, dass Du bei mir fündig geworden bist. Auch freue ich mich, dass ich nun zu Deinem Blog gefunden habe. Ich finde ihn, seiner vielen Worte zum Trotz, recht kurzweilig! Ebenfalls Danke!
    Ich habe übrigens hier neben mir auch noch "Das große Buch der wilden Tiere" liegen. Ebenfalls vom Herren Grabianski illustriert.
    Herzlichst,
    P.

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  2. Wenn man sich anschaut, welch irrwitzig untergeordnete Rolle Kinderliteratur schon in den gedruckten Ausgaben spielt, mal abgesehen von der, zumindest in dieser Beziehung, guten, alten Tante Zeit, ist das Ergebnis der kleinen Recherche nicht wirklich verwunderlich. Und beim Onlineplatzhirschen Spiegel Online findet, wie im Heft, Kinderliteratur einfach gar nicht statt.

    Es geht auch anders: Beim Guardian gelangt man von der Startseite über "Culture" und "Books" direkt zur großen und übersichtlichen Kinderbuchabteilung.

    Und bei der New York Times dito.

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  3. Inzwischen hat die ZEIT ja sogar öffentlich den "Umzug" der Kinderliteratur vom Feuilleton in die Kinderbeilage der ZEIT erklärt. Danke an Jutta Richter, deren offenen Brief Du ja ebenfalls unterzeichnet hast, für ihre Stellungnahme.

    Wir Kinderbuchautoren aus dem Autorenforum "Schreibwelt" schließen uns diesem Aufruf ganz ausdrücklich ebenfalls an.

    http://schreibwelt.foren-city.de/topic,745,-kinder-und-jugendliteratur-gehoert-ins-feuilleton.html

    Liebe Grüße
    Jutta

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