Samstag, 27. März 2010

Nicht alles ist Makulatur

Je populärer man wird, umso begehrter wird man – das ist eine so binsige Weisheit, dass sich selbst Binsen davon beleidigt zeigen dürften. Einladungen trudeln ins Haus, nicht mehr bloß zu Lesungen, Tagungen oder Podiumsdiskussionen, sondern für den Empfang höherer Weihen; Anfragen von hier und von dort, ob man dort und hier nicht etwas Tolles bewegen möchte.

Gut fürs Ego. Jedoch, von Haus aus bin ich ein eher unentschlossener Mensch. Gestern, beispielswiese, stand ich geschlagene zehn Minuten vor den aromatisierten Senfsorten (für Sandwiches) im Supermarkt, nahm zuletzt natürlich gar keinen mit, nur um kurz vor der Kasse kehrt zu machen und weitere fünf Minuten vorm Senf zu verplempern, bis ich mich für die Kräutervariante entschied, um dann zu Hause festzustellen, dass ich die Sandwiches vergessen hatte.

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Es ist dieses Zögerliche in mir, das mich schon Wochen vor einer anstehenden Bundestags- oder Landtagswahl ganz irrsinnig macht, von der Auswahl selbst in kleinsten Buchläden ganz zu schweigen. Weshalb ich, in der Regel, alle möglichen Angebote höherer Weihen ablehne. Ich könnte mich ja falsch entscheiden und es erst Jahre später merken (was einer der Gründe ist, warum ich nie heiraten würde, selbst wenn der Staat mich ließe). Bis neulich. Da kam einer mit einer so brillanten und einleuchtenden Idee für eine so hübsche Sache auf mich zu, dass ich nicht Nein sagen konnte.

Während ich mir nämlich Sorgen um Senfsorten mache, stehen andere Menschen Schlange vor den Tafelläden und können froh sein, wenn zufällig mal ‘mittelscharf’ ohne alles im Angebot ist. Diese Menschen haben auch das Problem mit den Buchhandlungen nicht, weil für neue Bücher in der Regel schlicht keine Kohle übrig ist. Was soll’s, könnte man meinen, sollen diese Sozialschmarotzer doch einfach in die nächste spätrömisch-dekadente Bibliothek gehen! Da können sie sich ihr geschnorrtes Essen reinpfeifen und dabei den nagelneuen John Grisham, den der durchschnittliche Leistungserbringer sich unter allerlei Entbehrungen vom Munde absparen muss, mit Fettflecken einsauen! Und sicher könnten die Menschen das und täten es auch, aber wie jeder weiß, sind Bibliotheken nicht bundesweit dicht gesät, und gerade der durchschnittliche Sozialschmarotzer hat da vielleicht auch Berührungsängste, und manche Eltern - um die nicht ganz aus der Pflicht zu lassen - sind auch einfach zu ignorant oder zu faul, ihr Kind dort mal herumzuführen.

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Und da setzt sie an, die Kulturstiftung Selbst.Los!, gegründet vom Verleger-Ehepaar Annelie und Wilfried Stascheit. Bei dem Projekt Kinder brauchen Bücher, arme noch viel mehr (damit sind Kinder ohne finanzielle Mittel gemeint, nicht Kinder ohne Arme … nur für den Fall, dass einige von meinen ganz speziellen Leserbriefschreibern über diesen Eintrag stolpern) oder kurz: Kinderbücher für die Tafeln, geht es um Folgendes: Jährlich werden von unseren Verlagen abertausende von inzwischen unverkäuflichen Büchern verramscht oder, schlimmer noch, gnadenlos makuliert. (Makulieren heißt, dass einem durchaus der Lieblingsautor recycelt als Klopapier wiederbegegnen kann, ohne dass man es ahnt. Das ist eine durch und durch erschütternde Vorstellung, vor allem dann, wenn man selber der Lieblingsautor mancher Leute ist.) Dieselben Bücher kann man aber auch Menschen zur Verfügung stellen, die sie – um damit ein Argument auszuräumen, das von um ihre Umsätze besorgte Branchenmenschen kommt - eh niemals kaufen könnten.

Praktisch alle Verlage, auch die ganz großen, sind von dem Konzept angetan und machen bereits mit, mehr als 30.000 Bücher sind schon verteilt. Die Verlagsspenden sollen ergänzt werden durch private Buchspenden (erzählende Bücher laufen übrigens besser als Sachbücher), und vielleicht gibt es ja auch den einen oder anderen Autor, dem es geht wie mir, soll heißen: Man weiß irgendwann nicht mehr, wohin mit seinen Beleg-Exemplaren.

Selbstlos-logo

Ich zitiere mal einen Grundsatz von Selbst.Los!: 'Fundament der Stiftung ist die Überzeugung, dass das Menschenrecht auf Bildung und Kultur eine wesentliche Basis für den gesellschaftlichen Fortschritt ist.'

Weshalb ich, in einem Anfall wilder Entschlossenheit, die Schirmherrschaft für dieses Projekt übernommen habe. Was bedeutet, dass ich zukünftig alle Buchhändler mit dem Inhalt dieses Posts nerven werde. Hoffentlich charmant. Wir suchen nämlich noch vielerorts nach Vertriebswegen, sprich: Nach Buchhändlern, die, von den Verlagen beliefert, die Bücher an die Tafeln weiterreichen.
weiß

Kommentare:

unkita hat gesagt…

Ich bin beim Stöbern in diesem Blog ja begeistert, wie immer wieder die (Steil-)Kurve zur Literatur gefunden wird. Diesmal vom Essen. Bei mir ist es meist anders herum.

Nun arbeite ich, wie der Zufall es will, auch in einem Verlag und werde mal fragen, ob wir nicht an der Selbst.los-Aktion mitmachen wollen. Leider sind unsere Bücher meist fachlicher Natur. Werde nach dem Urlaub aber mal stöbern, ob nicht was passt.


Dafür, dass der Rico mich nach über einem Jahr "Abstinenz" wieder zum bloggen verführt hat, wollte ich mich hier auch noch mal bedanken!

Jutta Wilke hat gesagt…

Lieber Andreas,
auch wenn mir völlig schleierhaft ist, wann du diese Schirmherrschaft noch ausüben möchtest, so rein zeitlich gesehen, gefällt mir das Projekt ausgesprochen gut. Eine kleine Anmerkung dazu: Es müssen ja nicht nur Buchhändler sein, die in dieses Projekt eingebunden werden können.
Ich gehöre einem Forum für Kinder- und Jugendbuchautoren an und vor einiger Zeit haben wir die Bibliothek des Kinderhospiz Sternenbrücke in Hamburg kräftig aufgestockt, in dem viele von uns einen Teil ihrer Belegexemplare dorthin gesandt haben. Ähnliches könnte ich mir auch für SelbstLos vorstellen - wir Kinderbuchautoren könnten unsere Belegexemplare sammeln und an die Tafeln weiterreichen. Ich werde mal einen entsprechenden Vorschlag in meinem Forum unterbreiten.

Liebe Grüße
Jutta

Frz hat gesagt…

Lieber Andreas Steinhöfel,
ich finde es auch eine prima Idee, bin aber der Meinung, dass es nicht ausreicht, den Kindern die Bücher in die Hand zu drücken. Der Umgang mit Büchern muss auch geübt werden, sonst fliegen sie zugunsten "weniger anstrengender" Aktivitäten in die Ecke. Daher sollte die Aktion am besten lanfristig von Lese- / Vorleseveranstaltungen begleitet werden. In vielen Städten gibt es ehrenamtliche Vorleser, hier in München z.B. die Lesefüchse e.V. Auch Buchhandlungen sind gute Ansprechpartner. Wenns also konkret wird, mich gerne für München ansprechen, dann aktiviere ich gerne das hiesige Netzwerk zu dem u. a. der Börsenverein, die IJB, das Kulturreferat der Stadt, das Literaturhaus u.v.a. außerschulische Leseförderungsinstitutionen gehören.
Viel Erfolg, herzliche Grüße
Birgit Franz
Netzwerk Leseförderung in München /
Münchner Bücherschau junior

ANDREAS STEINHÖFEL hat gesagt…

Hallo Brigit,

das klingt sehr gut, vielen Dank! Bin leider gerade in Eile (zwischen den Lesungen), werde das aber übernächste Woche, wenn ich die Stiftungsleute treffe, sehr gern zur Sprache bringen und euch ggf. gleich weiter vernetzen.

Beste Grüße

Andreas