Freitag, 29. Februar 2008

Haltet den Dieb! (2)

Vermutlich kennt fast jeder Schwule, der das Coming Out erfolgreich hinter sich gebracht hat - und hoffentlich jeder, dem es noch bevorsteht - die ganz und gar wunderbare Romanze Beautiful Thing: Zwei working class boys fallen erst zaghaft übereinander her and then in love (soll keiner sagen, ich hätte noch nie ein hybrides sylleptisches Oxymoron gebastelt), der eine erstaunlich zielstrebig, der andere spürbar verhalten, weil zerrissen von den Ängsten vor der Reaktion des sozialen Umfelds. Es gibt, ganz zuletzt, als natürlich und endlich alles gut ist, eine wirklich unvergessliche Tanzszene – mir jedenfalls offenbar so unvergesslich, dass sie einer meiner Romanfiguren aus der Mitte der Welt entwicklungstechnisch auf die Sprünge half. Nur dass ich das bis letzte Woche, als ich den Film zum ersten Mal nach über zehn Jahren wieder sah, nicht wusste.


Man merkt Beautiful Thing seine Theaterherkunft nicht an. Sowohl das Bühnenstück wie das Drehbuch stammen aus der Feder des Briten Jonathan Harvey; bei uns wird die Bühnenfassung momentan (bis Ende Juni) vom Jungen Theater Bonn aufgeführt, allem Anschein nach zu begeisterten Kritiken seiner Zuschauer.

1995, nur zwei Jahre nach der Bühnenpremiere, ließ Channel Four das Erfolgsstück durch Hettie MacDonald verfilmen. Ursprünglich nur fürs Fernsehen gedacht, wurde der Streifen so begeistert aufgenommen, dass man ihn schließlich auch ins Kino hievte. Und da sah ich ihn 1996, ein Jahr später, als Die Mitte der Welt gerade auf Eis lag; die Arbeit daran nahm ich erst im folgenden Jahr wieder auf, 1997 also, nach einem gehörigen Tritt in den Hintern durch meinen damals nagelneuen Verleger.

Zu der Zeit waren die Figuren des Romans – mit Ausnahme des Erzählers, ausgerechnet – bereits relativ fest entworfen und der erste Teil komplett geschrieben (abzüglich aller Einschübe mit dem schwarzen Püppchen Paleiko, die ganz zuletzt entstanden). Und doch muss ich am Eröffnungskapitel nochmals herumgeschraubt haben, denn da findet sich ein so deutliches Zitat aus Beautiful Thing, das es mich vergangene Woche, beim Anschauen des Films mit meinem Schnucki, fast vom Sofa gehauen hat. Anlass dafür war ein längerer Dialog zwischen dem jugendlichen Jamie (das ist der Zielstrebige) und dem Lover seiner Mutter Sandra, einem traumtänzerischen Loser, der so gut wie immer das Falsche sagt und folgerichtig später abserviert wird. Jamie erklärt ihm Folgendes:

"Mum sagt, du bist Maler. Ich weiß, warum sie dich ausgesucht hat. Sie will's Wohnzimmer streichen lassen. Die Farbe gefällt ihr nicht mehr. Hat sie erst letztes Jahr streichen lassen. So ist meine Mum. Hat alles schnell satt. Viel zu schnell."

Glass also, wie sie in der Mitte der Welt leibt und lebt und gleich zu Beginn des ersten Kapitels (nicht des Prologs) eingeführt wird. Einen noch deutlicheren Verweis auf die Vorbildrolle von Jamies Kette rauchender Mum entdeckte ich dann in der oben erwähnten Tanzszene: Jamie und sein geliebter Ste (das ist der Verhaltene) tanzen eng umschlungen am hellichten Tag, unter aller Augen, auf einem Platz inmitten der sie umgebenden Hochhäuser der hässlichen Wohnanlage. Weshalb Jamies Mum erst nach Luft und sich dann eine Partnerin schnappt, um mitzutanzen. Die Blicke, die Sandra dabei auf die umstehende Menschen wirft, sind unvergesslich: Dolche gegen jeden, der es wagt, ihren Sohn auch nur missbilligend aufs Korn zu nehmen; unbedingte Liebe; die archetypische schützende Mutter.

Was kommt als nächstes? In diesem Kommentar zu meinem ersten Beitrag über unbewusstes Zitieren wird André Gide erwähnt. Von dem kenne ich nur die Falschmünzer und seine Reportagen aus dem Schwurgericht. Hoffe ich jedenfalls …

Absatz

Kommentare:

ilta-seija hat gesagt…

hmm... "Dolche gegen jeden, der es wagt, ihren Sohn auch nur missbilligend aufs Korn zu nehmen; unbedingte Liebe" -
Seid stark und wehrt euch. Wer euch verletzt, dem tut doppelt weh oder geht aus dem Weg, aber lasst euch niemals vorschreiben, wie ihr zu leben habt. Ich liebe euch, wie ihr seid.? Oder? *lächel*

Kein Dieb...
lebt das Schreiben auch nicht ein klein wenig von so etwas? von ungewollten, unbewussten Zitaten? Beeinflussen Werke einander sich nicht auch immer ein wenig selbst?
Wenn auch unbewusst?
Es gibt zwar unzählbare Worte in den verschiedenen Sprachen, aber die Zahl ist ja trotzdem begrenzt. Gut, die Anzahl der Sätze, die man daraus bilden kann nicht, aber trotzdem... +gg+
Ich denke das passiert einfach. =)

...ich finde übrigens oft Szenen oder Wortfolgen, die mich an die Mitte der Welt erinnern - wahrscheinlich auch noch von Leuten, die das Buch überhaupt nicht gelesen haben oder nichtmals wissen, dass es existiert.


Oh, danke für den blog hier =)

ANDREAS STEINHÖFEL hat gesagt…

:))))

Rainer Henkel hat gesagt…

Hallo Andreas! Ich hoffe, es geht Dir und Deinem Liebsten gut!? Nicht verpassen! Sehr wichtig, ganz wunderbar, so berührend:
http://www.junges-theater-bonn.de/
Hier wird seit Januar als deutsche Erstaufführung das Bühnenstück gezeigt; noch dazu erstmals mit den Hauptdarstellern im Alter der Figuren. Ein Besuch der Aufführung sei jedem herzlichst empfohlen! Liebe Grüße Rainer Henkel

Rainer Henkel hat gesagt…

Ach so - ich vergass: der Verhaltene heisst "Ste", nicht "Stu"....

;-))

ANDREAS STEINHÖFEL hat gesagt…

Schon geändert :)) Und den Text ergänzt, um auf Bonn zu verweisen - danke für den Tipp!

ANDREAS STEINHÖFEL hat gesagt…

PS: Rainer H. aus B.? Jedenfalls 'nen schönen Gruß zurück! :)

Rainer Henkel hat gesagt…

Rainer H. aus B.! ;-)

ANDREAS STEINHÖFEL hat gesagt…

Kühl! Wen man so alles hier trifft ... sogar Schreibkollegen der ersten Stunde :)))

Rainer Henkel hat gesagt…

8-)) Das hast Du aber schön gesagt!

JoAnn hat gesagt…

Ohja, das traumwandlerische, schöne, poetische Ende von Beautiful Thing - die beiden in der tanzenden Umarmung und dann in dieses schöne Licht getaucht - hat mich sehr sehr glücklich gemacht. Ich konnte nicht mehr aufhören zu lächeln ;)
Aber die Parallelen bezüglich Glass' Charakter und Jamies Mutter sind mir nie aufgefallen, aber ja, es passt schon ziemlich ;)

Danke für den Theatertipp, vielleicht schaffe ich es ja nach Bonn zu fahren und es mir anzuschauen! (Ist ja zum Glück nicht so weit von Duisburg weg wie Zinnowitz, wo ja vor 2 Jahren Die Mitte der Welt aufgeführt wurde, die ich dann leider leider nicht sehen konnte...)

Ach und schön, dass es von dir endlich wieder neue Beiträge gibt - ich lese sie immer sehr gerne.

Caro hat gesagt…

Hach ja der Film ist einfach schön^^Und jetzt wo Du's sagst fällt mir die Ähnlichkeit auch auf *g*
Böser Schriftsteller^^
Nein im Ernst, ich denk vieles beinflusst einen ja auch unbewusst. Und manchmal hat man ja auch dieselben Ideen unabhängig von jemand andrem.