Donnerstag, 28. Februar 2008

Haltet den Dieb! (1)

Zeit seines nicht allzu langen Lebens – er starb im Alter von 55 Jahren an einem Herzinfarkt – hat Robert Leslie Conly nur vier Bücher verfasst, und das eigentlich eher nebenher und nicht mal unter seinem richtigen Namen. Hauptberuflich als Redakteur bei National Geographic angestellt, verpasste er sich das Pseudonym Robert C. O'Brien und veröffentlichte 1971 (nach einem wenig erwähnenswerten Erstling) den amerikanischen Kinderbuchklassiker Mrs Frisby and the Rats of NIMH. Erzählt wird darin die Geschichte einer Feldmaus, die, um ihren Nachwuchs zu retten, sich der Unterstützung einer Gruppe von geheimnisvollen Ratten versichern muss. Diese Ratten mutierten als Opfer einer Reihe von Tierversuchen zu vernunftbegabten, der moralischen Reflektion fähigen Wesen. Leider sind aber auch ein paar ausgemachte Schweinehunde darunter, weshalb Mrs Frisby der kleine Mäusearsch mehrfach auf Grundeis geht und sie, genau wie der kindliche Leser, öfters Gefahr läuft, sich in die Buxen zu machen.


O'Briens Buch bekam die Newbery Medal aufs Cover geklatscht, mithin eine der höchsten Auszeichnungen, derer ein Kinderbuch sich rühmen kann. In unserem Sprachraum hat das dem Titel wenig geholfen: die 1996 im Wiener Jungbrunnen-Verlag erschienene Übersetzung ist nicht mehr lieferbar. Auf der Backlist (von dtv) behaupten kann sich jedoch immer noch Z wie Zacharias, eine 1975 postum veröffentlichte postapokalyptische Story um eine Sechzehnjährige, die sich als letzte Überlebende auf unserem nicht mehr ganz so schönen Planeten wähnt, bis eines Tages irgendeine bundesdeutsche Bildungskommission beschließt, ihre Abenteuer als pädagogisch wertvolle Schullektüre zu empfehlen, weil der Titel sich ganz supertoll zum Diskutieren von Krieg, Tschernobyl, alternativer Lebensführung und dergleichen eignet.


Mrs Frisby blieben derlei hohe Weihen verwehrt. Ihr wurde ein anderes Schicksal zuteil: Sie kam ins Kino. Gleich ihrem Schöpfer trat auch sie unter anderem Namen auf, auch wenn der im Titel des Films nicht mehr erwähnt wurde, ebenso wenig übrigens wie die Ratten. Selbstredend musste die Story für die Leinwand auch noch verkürzt werden, und dennoch gehört The Secret of NIMH seit seiner Erstaufführung 1982 immer noch zu den sehenswertesten Animationsfilmen aus jenen seligen Zeiten, als Zeichentrick noch Zeichentrick war. Im Gegensatz zu den damals gängigen Disney-Schmankerln, die beim Betrachter regelmäßig Netzhaut-Karies auslösten, enthielt dieses Werk entschieden düstere und nicht wenig zimperliche Anteile, was Kritiker genauso befriedigt konzedierten wie das Fehlen der bis dato im amerikanischen Animationsfilm typisch aufwallenden Sangesfreude – bis auf eine (dafür aber auch ganz fürchterliche) Schnulze ist der Film davon erfreulich frei. Zu verdanken ist das seinem Regisseur. Don Bluth hatte noch unter den Mickymausohren das zeichnerische Handwerk gelernt, Disney aber schließlich hinter sich gelassen, weil er mit den dort produzierten süßlichen Geschichten nicht mehr einverstanden war. In der Folge drehte er weitere schöne oder auch einfach nur nette Sachen, Feivel der Mauwanderer zum Beispiel oder das von den Dötzeken heiß geliebte Dino-Epos In einem Land vor unserer Zeit, und zuletzt das sehr unterschätze, hoffnungslos gefloppte und damit für Bluths Karriere sargnagelige SF-Spektakel Titan A.E.

So, und nach dieser langen Vorrede zum eigentlichen Thema: Letztens gucke ich Mrs Brisby und das Geheimnis von NIMH mit meinem Mann, schön kuschelig mit Tee und Keksen, und werde unvermittelt fassungsloser Zeuge eines kurzen Filmdialogs, der zwischen einer Krähe und einer Verwandten von Mrs Brisby stattfindet. Der lief in etwa so ab:

Krähe: Oh, das ist aber ein hübscher Hut, den Sie da tragen!
Maus: Sparen Sie sich ihr Süßholzgeraspel, das zieht bei mir nicht!

Plötzlich waren die Kekse nicht mehr ganz so lecker. Diesen Dialog hätte ich unter hunderten wieder erkannt: Er findet sich, fast im selben Wortlaut, in Es ist ein Elch entsprungen wieder, wo ich ihn Mister Moose und Gerlinde Woltershausen in den Mund legte, nur ging es dort anstelle des Hutes um einen Seidenschal . Wohl gemerkt: Als ich seinerzeit das Buch verfasste, kannte ich Mrs. Brisby natürlich längst.

Es ist ein bisschen gruselig, wie man sich solcher ungewollten Abkupfereien während des Schreibens nicht bewusst ist. Noch schlimmer, wenn einem dann irgendwelche naseweisen Gören, die derlei Zufälle bemerken, aufgebrachte Leserbriefe schicken. Denn Kinder sind ungnädig und unbestechlich. Was unsereiner ihnen bestenfalls als popkulturelles Zitat oder, in aller unverständlichen Ehrlichkeit, als unvermeidbare Fährnis postmodernen Autorentums verkauft, nennen sie schlicht: Geklaut.


So, und das war's? Nein, war es nicht. Vor ein paar Tagen setzte das Schicksal noch einen obendrauf - nachzulesen im nächsten Beitrag, den ich getrennt verfasse, weil er ein anderes meiner Bücher betrifft.
Absatz

Kommentare:

  1. Wenn ich mich recht entsinne, hast du bei Andre Gide auch schon geklaut ;)Solange das Motto "Steal from the best" bleibt, ist das ja meiner Meinung nach völlig okay...

    LG

    AntwortenLöschen
  2. Hmpf ... noch einer also! Gib doch mal bitte die Stelle durch, dann hab ich 'nen Dreiteiler für "Haltet den Dieb!".

    AntwortenLöschen
  3. ;) Scheinbar kannst du sogar aus Büchern abschreiben, die du gar nicht gelesen hast... Wow! Man könnte an dieser Stelle div. metaphysische Theorien entwickeln (kollektives Unterbewusstsein, Reinkarnation, Verbalinspiration, Uri Geller)...
    Also, ich habe es schon mal im dem Gnooks-Forum geschrieben - S. 53, hab nachgeschaut und natürlich der Einfachheit halber abkopiert:

    " ... Jetzt sitze ich über meinen Ordnern und höre den Mechanischen Prinzen - sehr schön, wenn man sich mal ganz faul was vorlesen lassen kann und dabei entdeckt, wie dreist unser Lieblingsautor klaut - natürlich nur bei den Besten:
    Sprudel (auch geklaut) spricht: "Man muss nicht schlafen um zu träumen." Das ist abgeschrieben aus Gides "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes", ich bin mir ganz sicher...
    >>By mü (Thursday, 4 Jan 2007 20:57)"

    Die Tatsache, dass bei Dir das Phänomen des "Unbewussten Abschreiben" auftritt, werde ich nicht an meine Latein-Schüler weitergeben...

    Spaßige Grüße :)

    AntwortenLöschen
  4. Entschuldigung... es muss natürlich "unbewusstes Zitieren" heißen ;)

    AntwortenLöschen
  5. Nee, nee ... Die Figur des Sprudel ist ganz bewusst von Zoran Drvenkar übernommen - wir hatten mal vor, uns gegenseitig Figuren zu entleihen, aber Zoran hat es nie getan. Ich schon ... :)

    Zum Gide: Okay, den 'Verlorenen Sohn' hab ich tatsächlich nicht gelesen und ihn somit auch nicht falschmünzen können. Aber so schlau ist dieser Satz ja nicht, eher nahe liegend, oder?

    Was meinen Lateinunterricht angeht: Da hätte ich ganz gern ab und zu unbewusst zitiert. Es saß bloß niemand in meiner Nähe, den zu zitieren sich lohnte. Weshalb mir das große Latinum dann auch glatt verwehrt blieb ... :)))

    AntwortenLöschen
  6. Als Gide-Fan finde ich, du solltest etwas stolzer über diese Parallele sein ;)

    Ich wette, wenn man lange genug sucht, findet man bei div. Schriftstellern eine ganze Reihe von "unbwussten Zitaten" - passiert in der Musik ja auch ständig... oder in Filmen.
    Mich würde noch interessieren, ob du Patricia Dunckers "Deadly Space Inbetween" gelesen hast.

    LG


    PS: Auch wenn div. meiner Kollegen es bestreiten: Man kann auch ohne Latinum leben ;)

    AntwortenLöschen
  7. Frau Duncker war mir bis soeben unbekannt. Bleibt sie aber nicht - manchmal ist amazon ja doch zu was gut ... Inhaltsangaben zum Beispiel. Ich stehe schon in den Stiefeln, um zum Buchladen meines Vertrauens zu eilen ...

    Wer im übrigen behauptet, man könne nicht ohne großes Latinum leben, dem mangelt es vermutlich an anderen Kleinigkeiten.

    AntwortenLöschen
  8. Viel Spaß beim Lesen ;)

    AntwortenLöschen
  9. .. und erzähl doch bitte wie Du es fandest, wenn Du's dann durchhast... das würde mich interessieren :)
    Freuen uns hier übrigens gerade sehr stark, dass Du noch mehr Teile von "Rico und Oskar" schreiben willst :) Hoffen, dass das nicht nur ein Gerücht ist ;)

    Herzlichste Grüße,

    AntwortenLöschen
  10. Kein Gerücht :) Zwei Teile sollen auf jeden Fall noch folgen, eventuell ein vierter - hängt davon ab, ob die Kiddies Rico dauerhaft mögen. Heute kam das erste Filmangebot. Dergleichen ist zwar immer mit großer Vorsicht zu genießen, freut mich aber natürlich trotzdem. Und zu Patricia Duncker: Das Buch ist bestellt, ich werde es wohl zur Messe mitnehmen und abends mit ins Leipziger Hotelbett nehmen.

    AntwortenLöschen
  11. Cool... ich möchte auch unbedingt noch mehr über den stinkigen Schlafanzugträger Fitzke erfahren ;)
    Viel Spaß beim Schreiben und (Vor-)Lesen!

    LG


    PS: Hotelbetten sind toll - meins wartet in Antalyas Innenstadt auf mich und den vierten Band von Otherland.

    AntwortenLöschen
  12. Sprudel ist von Zoran Drvenkar? Aus welchem Buch denn?
    (Find ich übrigens toll, weil ihr beide zu meinen Lieblingsautoren zählt ;))

    Liebe Grüße
    Jan.

    AntwortenLöschen
  13. Aus "Niemand so stark wie wir" - für mich immer noch Zorans bestes Buch - sowie dem Folgeband (Titel vergessen; findest du sicher bei amazon o. ä.).

    AntwortenLöschen