Montag, 16. Juli 2007

Rolle rückwärts

Erst denke ich noch: Na, nun sind die wohl auch endlich übergeschnappt! Strahlt mir doch von der vorhin käuflich erworbenen PRINZENROLLE der Poldi entgegen. Ich erkannte ihn sofort wieder. Die Fußball-WM ist ja gerade mal erst ein Jahr her und seinerzeit hätte ich jeden deutschen Spieler beim Namen rufen können. Jedenfalls jeden einigermaßen gut aussehenden.

Der Poldi also: Hat sich per Autogramm auf der Prinzenrolle ("Nur mit Prinzen werden Märchen wahr") verewigt, und das ist ja an sich erst mal ganz nett und wohl auch recht lukrativ. Andere Fußballer schaufeln öffentlich Nutella in sich rein und die beiden dicken russischen Boxer stopfen sich mit Kindermilchschnitten voll. Aber das ist an dieser Stelle gar nicht weiter wichtig; Konsumkritik liegt mir fern, zumal ich ja ein bekennender Ferrero-Fan bin.


Nein, wirklich wichtig ist, dass man ein "exklusives Training" mit dem Poldi gewinnen kann, wenn man einen auf der Doppelkekspackung prangenden Code im Internet einlöst! Ich halte Kundenködern mit dem Versprechen auf ein exklusives Herumgerolle mit dem Poldi zwar nicht für jugendfrei, aber der Werbung ist ja bekanntlich nichts heilig, und da ich den Code nun schon mal hatte … War aber nix. Hätte mich auch gewundert, offen gestanden, wenn bei 35 Millionen pro Jahr verkauften Prinzenrollen ausgerechnet die meine mir einen Fallrückzieher mit dem putzigen Bayern-Spieler verschafft hätte.


Zum Trost verlinkte mich die Webseite zum Poldi-Blog, den man wohl extra für die Geroll-Verlosung ins Leben gerufen hat. Der erste von ganzen sieben Einträgen datiert vom 1. März, verfasst von irgendeinem Pradministrator (sic - you're so funny!), der mich unter anderem wissen ließ: Dass es eine die Aktion begleitende TV-Kampagne gibt (ich gucke keine Werbung, außer Ferrero), dass ich zu besagtem Training sogar einen Freund hätte mitbringen dürfen (umso ärgerlicher, dass ich den unpassenden Code hatte) und dass wohl mal die Veröffentlichung von "Stürmertipps" angedacht waren (kein rechtsradikaler Hintergrund), welche ich aber nirgends entdecken konnte.



Der Poldi selber hat übrigens lediglich einen der insgesamt sieben Blog-Beiträge verfasst, nämlich den letzten. Am 11. Juni jammert er wegen einer Beinverletzung herum, von der ich gar nicht wissen will – oder eigentlich doch – wo und wie er die sich zugezogen hat. Er bedankt sich aber auch bei seinen zahlreichen Fans für die Genesungswünsche. Davon gibt es im Blog immerhin um die zehn, und wer Lust hat auf ein kleines masochistisches Abenteuer in Sachen Rechtschreibkultur mag sich dort umschauen. Einer der letzten orthographisch unauffälligeren Kommentare stammt von einem gewissen Christian:

Hey cooler Blog. Ich will ja nicht meckern, aber es wird echt mal Zeit die Klamotten zu wechseln. Du trägste seit 3 Monaten das gleiche Outfit. Guck dir mal die Bilder hier deinem Blog an.

Christian, du hast den Sinn dieser ganzen Aktion nicht verstanden: Der Poldi zieht sich erst ganz am Schluss aus, wenn der Gewinner feststeht.
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Donnerstag, 5. Juli 2007

Freischwimmer

Sie nennen sich Freestyle4Xperts und haben zunächst am Staatstheater Hannover, zuletzt beim 18. Bundestreffen "Jugendclubs an Theatern" in Regensburg die Mitte der Welt auf die Bühne gewuchtet. Ercan Carikci, einer der sieben Akteure, hat unlängst zu diesem Anlass eine kleine Wagenladung selbst produzierter CLIPS ins Netz gestellt. Leser des Romans, die ihre imaginierten Helden mit den Schauspielern vergleichen möchte, können letztere in mit Musik unterlegten Bilderreihen Revue passieren lassen: How do you spell SEXY?


Dass das Stück unter der Regie von Marco Stormann offenbar gut ankam, zeigen Auszüge aus einigen Kritiken:

Viel Mut bewiesen auch die Darsteller: Mut, diese vielschichtige und verzwickte Handlung auf die Bühne zu bringen; Mut, sie dem jungen Publikum anspruchsvoll zu präsentieren; Mut zu dynamischer Bühnenpräsenz und nackten Tatsachen einerseits und zu intimen, leisen Szenen andererseits. (CORDULA BÖLL)

Dieses Team theaterverrückter Spieler erzählt ganz einfach von den schwierigen Ungewissheiten der Liebe, aus der Frische des eigenen Erlebens heraus. Sie tauchen tief ein in die Sehnsüchte der Figuren, lassen ihre Körper im Liebesspiel tanzen. Und weil es in der Liebe stets ums Ganze geht, riskieren die Spieler auch auf der Bühne alles – und gewinnen das Herz des Zuschauers. (…) Hier wurde auf Augenhöhe über Theater nachgedacht und menschliches Erleben erforscht. So wach, so engagiert, so professionell geführt, kann Jugendtheater sein. (FRANZ MESTRE)


Der Autor hört's und freut sich! Und weil er es im Frühjahr zur Premiere aus Termingründen nicht geschafft hat, guckt er sich den Spaß nun im Oktober an: Voraussichtlich am 21. und 22.10. wird das Stück in Hannover nochmals aufgeführt.
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Sonntag, 1. Juli 2007

Die Null und das Nichts

Das ständig um neue Positionierungen bemühte Berliner Künstler-Kollektiv FMSW, von mir bereits an anderer Stelle in diesem Blog gewürdigt, ist aus Afrika zurückgekehrt. Oder vielmehr von jener Stelle vor der afrikanischen Küste, wo GREENWICH sozusagen auf den Äquator trifft oder, um es exakter auszudrücken: Wo der geographische LÄNGENGRAD und BREITENGRAD mit dem jeweiligen Wert 0 sich kreuzen. Diesen Nullpunkt hatte nämlich, wie FMSW aufgefallen war, bisher noch kein Mensch je markiert – was auch ein bisschen schwierig ist, liegt diese Stelle doch im tiefen, tiefen blauen Meer: Rundum Gewelle und Gewoge, da fällt ja nun auch wirklich kaum etwas auf, schon gar keine Null. Weshalb die Viererbande sich zunächst per Containerschiff und zuletzt mit einem Schnellboot an jene Kreuzung verfrachten ließ, um dort am 11. Juni dieses Jahres eine aus Edelstahl gefertigte Kugel zu versenken. Durchmesser 25 Zentimeter, Dicke 3 Zentimeter, Inhalt der für die zu erwartende Tiefe somit drucksicheren Kugel: Nichts. Oder besser gesagt: Ein VAKUUM.


Ein Brief meines Freundes Marcel, geschrieben am 25. Mai bei Position N 04'33'137 und W 002'20'067 , erreichte mich vergangene Woche. Zunächst ein Auszug zu den Annehmlichkeiten des Bordlebens:

Reisen per Schiff ist eine tolle Sache, die ich dir sehr ans Herz lege. Man hat so unglaublich viel Zeit für all das, für was man NIE Zeit hat. Lesen, Denken, Dämmern und immer wieder zum Horizont schauen, denn was anderes ist kaum da, oder auf die Brücke gehen, die Position überprüfen. Es gibt aber auch ein wenig Ablenkung, wenn man sie braucht. Es gibt einen Golfabschlagplatz, was ich sehr toll finde, leider habe ich bestimmt schon 20 Bälle direkt über das Fangnetz ins Meer geschossen, aber es sind noch genügend da ...


Falls nicht einer dieser verballerten Bälle von allein zum Nullpunkt fand, von einer launischen Meeresströmung gelenkt oder, ähnlich wie in David Wiesners wunderbarem Bilderbuch STRANDGUT von Seepferdchen oder Walfischen transportiert, bleibt ja immer noch die ihn inzwischen markierende FMSWsche Kugel:

Es ist eine ganz tolle Kugel und es wird uns allen sehr Leid tun, sie ins Wasser zu werfen, wo sie auf 5000 Meter absinken wird und dort wohl bis in alle Ewigkeit liegen bleibt, wenn nicht der Klimawandel eine Umwandlung des Golf von Guinea zur Wüste zur Folge haben sollte, was ich nicht glaube, aber dann würde sie wieder zum Vorschein kommen. Laut Berechnung braucht sie, um unten anzukommen, mindestens 20 Minuten, bei einem Gewicht von 40kg finde ich das sehr lange. Sag, das denke ich gerade, wann haben wir uns eigentlich das letzte Mal gesehen?


"Unsere Reise zum Nullpunkt", erklärten FMSW der TAZ, "ist eine Expedition zu einem Konstrukt, das mittels der Markierung in einen realen Ort überführt wird." Das wird den Anhängern der Röhrenden-Hirsch-Fraktion mal wieder nicht gefallen. Aber mir gefällt die Vorstellung, dass da ein Containerschiff über den GLOBUS schippert mit Marcel drin, der seine Tasche dabei hat mit einer Kugel drin mit einem recht sinnvollen Nichts drin.
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