Dienstag, 27. Februar 2007

Verirrungen

"Die Geschichten aller Märchen handeln entweder von der Rückkehr in den Mutterleib (den Himmel, das Zuhause) oder davon, in die Welt hinauszugehen und seinen persönlichen Dämonen entgegen zu treten. Wir sind alle Kinder, die durch ihre eigene Fabel wandern."



So beschreibt Guillermo del Toro den dramaturgischen Ansatz zu Pans Labyrinth. Drei Oscars (Kamera, Ausstattung, Maske) konnte die düstere, traurig-konsequent erzählte Geschichte um eine kindliche Weltflucht vor den Schrecken des Faschismus einheimsen. Im Rennen um die Auszeichnung als bester ausländischer Film unterlag Pans Labyrinth jedoch gegen Das Leben der Anderen. Und das ist fast schon ein wenig ironisch, denn Florian Henckel von Donnersmarcks Film folgt dem selben Ansatz wie del Toro. Sein Einblick in das Uhrwerk eines totalitären Staates, in dem ein Rädchen aus dem Takt gerät, tarnt sich lediglich als historischer Rückblick. Tatsächlich ist er kaum weniger märchenhaft.



Das Leben der Anderen
mag das komplexere und substanziellere der beiden Werke sein, aber Pans Labyrinth ist ehrlicher in der erzählerischen Grundhaltung. Ich mag sie beide. Das einzig wirklich Blöde an der Auszeichnung des Stasi-Abhör-Dramas ist, dass die Deutschen jetzt wieder glauben, sie besäßen so etwas wie eine funktionierende Filmindustrie statt eines staatlich kontrollierten Zuschussbetriebes für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.

Donnerstag, 22. Februar 2007

Neue Steine

  1. Die Suchmaske existiert ja nun schon seit einigen Tagen. Sie ist blog-intern eingestellt.
  2. Unmittelbar darunter kann jetzt der Blog bequem abonniert werden.
  3. Die zum Download bereitgestellte Datei wurde aktualisiert. Es fehlte das Interview zu Die Mitte der Welt (sorry!) und in der Bibliographie ist jetzt die 2006 erschienene Kurzgeschichten-Sammlung Froschmaul ebenfalls enthalten.
  4. Die rechten Seitenleisten wurden inhaltlich eindeutiger voneinander getrennt. Das Surfboard und die Stolpersteine würde ich gern in ein eigenes Fenster stellen, komme aber mit dem HTML nicht klar.
  5. Einige Einträge wurden geringfügig kosmetisch, aber nicht inhaltlich überarbeitet.

Mittwoch, 21. Februar 2007

Über meine Bücher

Es werden zum Herunterladen Fragen und Antworten zu jenen von mir verfassten Büchern angeboten, die am häufigsten in Schulen gelesenen werden. Im einzelnen sind dies:
  • Rico und Oskar 
  • Paul Vier und die Schröders
  • Dirk und ich
  • Beschützer der Diebe
  • Trügerische Stille
  • Die Mitte der Welt
  • Der mechanische Prinz
  • Es ist ein Elch entsprungen
Es besteht die Möglichkeit zur Auswahl zwischen PFD- oder Word-Dokumenten. Die heruntergeladene Datei muss entpackt werden. Neben den "Fragen und Antworten" sind außerdem enthalten: das Nachwort zu Die Mitte der Welt und zu Beschützer der Diebe, die lediglich in den Taschenbuchausgaben dieser Titels vom Carlsen Verlag abgedruckt sind, weiterhin einige Interviews (zu Rico und Oskar, zur Mitte und zum Prinzen), Bibliographien (Bücher und Übersetzungen) sowie Antworten auf jene Fragen, die mir am häufigsten zum Schreiben und zu meinem Privatleben gestellt werden.
weiß

Abdrücke

Als wir heute zum späten Frühstück beim Italiener saßen, wurden mein Mann und ich Zeuge einer Aktion, die ebenso faszinierend war wie alltäglich. Zwei statistisch betrachtet recht junge Mütter, beide erst Mitte Dreißig, schoben forsch ihre Kinderwagen in das Restaurant.

Angesichts von Kinderwagen der neuesten Generation denke ich immer unwillkürlich an 9/11. Sie sehen aus wie Panzer, sind fast ebenso breit und haben oft auch ähnliche Farben, nämlich ein den Beschützerinstinkt ansprechendes Natogrün oder ein gediegenes Desert-Storm-Ocker. Auf so ein Teil kann ruhig auch mal ein Jumbo stürzen; dem Kind passiert nichts, zumal es ja seit seiner Geburt mit einem titanverstärkten Helm auf dem Kopf durch die Gegend geschoben wird. Extrem teuer in der Neuanschaffung (gebraucht geht nicht, weil das Vorgängerkind womöglich eine vergeigte Aura hatte) machen diese mobilen Kinderzimmer sich dennoch bezahlt, vor allem beim Wochenendeinkaufs-Nahkampf im Supermarkt.


Die beiden Mütter guckten sich im vorderen Teil des Restaurants um, wo es genügend freie Sitzplätze und ausreichend Parkraum für die Panzer gab. Verständigten sich aber sofort mit einem Hier-echt-nicht-Blick auf den hinteren Teil des Ladens. Es war ein wenig schwierig dorthin zu gelangen, da der einzige Weg durch eine enge Gasse zwischen den voll besetzten Esstischen führte. Etwa zehn Leute mussten umständlich aufstehen, um Platz für die Durchfahrt zu schaffen, darunter ich. Ich tat das sehr ungern. Ich hasse es, beim Essen gestört zu werden. Aber ich bin auch ein bisschen besorgt um meine Rente.

Also erhob ich mich, erwiderte freundlich den herausfordernden Mutterkreuz-Blick der beiden Frauen und lugte dabei unauffällig in die vorbeirollenden Panzer. Reine Neugier. Keine sichtbaren Anzeichen von Allergien, das war ja schon mal was. Nur zwei in aller Unschuld schlafende Babys. Diese nagelneue Kindergeneration wird nicht nur George Bush und Oliver Pocher, sondern auch den Klimawandel überleben. Und sie wird ordentlich Kohle zum Therapeuten schleppen, weil ihre besorgten, sie panzernden Eltern diesen Klimawandel mit zu verantworten haben. (Die Eltern sind auch Schuld am Aufstieg der Oliver Pochers, mittelbar also am Untergang unserer Kultur als solcher, aber das ist ein anderes Thema.)

Die beiden Mütter zum Beispiel … Keine Ahnung, warum sie meinten, ausgerechnet im hintersten Teil des Restaurants sitzen zu müssen. Vielleicht vermuteten sie die Handystrahlung oder die Feinstaubbelastung dort niedriger als im vorderen Teil. Vielleicht wollten sie auch einfach nur den Toiletten näher sein. Jedenfalls unterlagen sie einem fatalen Denkfehler, denn die Anstrengung, mit der sie sich und die Nachkommen durch die Mittagesser kämpften, erhöhte ja unmittelbar und beträchtlich ihren CO2-Ausstoß. Man konnte förmlich dabei zusehen, wie die mütterliche Sorge unwissend ein neues Loch in die Ozonschicht riss. Und dann noch der ökologische Reifenabdruck der Kinderwagen – weiß der Geier, wie viele mit kostbarem Trinkwasser ausgespülte Joghurtbecher für deren Fabrikation nötig waren. Noch ein Loch, wenn nicht zwei.

Mir war der Appetit vergangen. Es ist die tiefe Tragik des abendländischen Menschen, dass er dem hilflosen Bewusstsein nicht mehr entkommen kann, ökologisch betrachtet eine Sau zu sein. Keine Sicherheit mehr, nirgends. Wirklich gut kann man das nur als Hersteller von Sturzhelmen und Kinderwagen finden.
Morgen kaufe ich Aktien.

Sonntag, 18. Februar 2007

Berlinale (5) - Widerhaken

Die Sieger von Generation stehen fest, die Preise sind vergeben. All meine persönlichen Favoriten haben das Rennen gemacht, das freut mich unendlich, aber jetzt habe ich den Blues. Das Berlinalebärchen hat sein letztes Feuerwerk versprüht, die lange Klassenfahrt ist vorbei, unsere Jury in alle Winde zerstreut, zurück in Holland, England, Schweden, Russland. What a bunch of exceptionally nice people! Bonding im Dreivierteltakt. Mal sehen, was bleibt.

Jenseits der von uns und den Kindern ausgezeichneten Filme sind mir einige Titel im Gedächtnis geblieben, die ich dem geneigten Publikum hiermit empfehlen möchte: Zwei dramaturgisch schamlos durchkalkulierte Spielfilm-Produktionen, die den Zoo Palast völlig durchgerockt haben und drei Kurzfilme, deren Machern hoffentlich bald eigene neunzigminütige Schamlosigkeiten finanziert werden.


In Trigger beschließt die dicke Alise, ein von unmittelbarer Verwurstung bedrohtes Fury zu retten. Geht aber nicht, weil das sympathische Pummelchen eigentlich Angst vor Pferden hat, und reiten kann es schon gar nicht. Bis zuletzt dann natürlich doch und so weiter und so weiter, in einem Finale, das mich um den sofortigen Deckeneinsturz des Kinos fürchten ließ, so ging das kleine Publikum mit. Als nächstes dann bitte Flipper und die Thunfischfänger. Mann, hätte ich diesen Film als Kind geliebt!


Eis! habe ich weiter unten schon erwähnt. Aus vermutlich schierer Sentimentalität meinerseits war das der einzige Film, dem ich sein überzuckertes Happyend nicht übel genommen habe. Im Gegenteil, ich wäre stinksauer gewesen, wenn das Dötzeken, das genau 840 Eis am Stiel verkaufen muss, um ein Zugticket zwecks Vaterfindung finanzieren zu können, seinen Papa am Schluss nicht gefunden hätte. Dieser kleine Stoppelhopser hatte ein Lächeln, das im Zoo Palast die Sonne aufgehen ließ. Bestes Entertainment, in dem die Kinder die erwachsenen Knallchargen gnadenlos an die Wand spielen, außerdem die ultimative filmische Propaganda für beschränkte Bahnübergänge.


Es ist mehr als ein Jammer, dass Kurzfilme außerhalb von Festivals kaum Zuschauer finden. Mit etwas Glück landen sie als Appetithäppchen vor ihren großen Brüdern, dürften aber ansonsten – und dem Himmel sei's geklagt – gnadenlos verpasst werden. Weshalb einem breiteren Publikum Schmuckstücke wie Der Schlangenbiss entgehen, die wohl niedlichste (und witzigste) kindliche Sterbephantasie, die je auf über eine Leinwand flimmerte, mit absolut wonneproppigen Hauptdarstellern.


Dann war da noch Als Elvis zu Besuch kam, über dessen Inhalt man nichts verraten darf, weil der mit einem Schockmoment aufwartet, das sich gewaschen hat. Während einige andere der gezeigten Filme sich ihre Pointen bis zum Ende hin aufbewahrten (was in Kurzgeschichten von Roald Dahl immer funktioniert, im Kino hingegen eher selten), fällt hier der Hammer nach dem zweiten Drittel. Was ein Drittel Zeit bedeutet, das Gesehene zu verkraften und die Rübe auf Hochtouren laufen zu lassen.


Bennys Tattoo schließlich ist die Geschichte einer ungleichen Jungenfreundschaft, die sich als Feindschaft tarnt. Wundervoll erzählt, wenn auch zum Ende hin ein wenig über die dramaturgischen Stränge schlagend. Ab und an hörte man ein deutliches Knacksen aus dem Zuschauerraum: Die Herzbrüche anwesender Mädchen, die hoffnungslos dem braunäugigen Charme des Hauptdarstellers erlagen.

Wer wissen will, wie nicht nur diese, sondern alle Filme von Generation bei jugendlichen Zuschauern abgeschnitten haben, sei abschließend an die Jungen Journalisten verwiesen, die mit großem Engagement das gesamte Programm und einiges an Drumherum begleitet haben.

Sayonara, Bärchen!

Freitag, 16. Februar 2007

Berlinale (4) - Paradigma

Wo tags zuvor hinter mir das Dötzeken im Dunkeln saß, kuschelten sich zur Vorführung von Eis (Keh-ki) zwei Schwestern aneinander, sieben oder acht Jahre alt die eine, etwa zwei Jahre älter die andere. Wer sich den Film irgendwann ansehen möchte, liest ab hier besser nicht weiter:

Auf der Leinwand kommt es zu einer Szene, in der ein kleiner Junge von einer heranbrausenden Eisenbahn überrollt wird. Der Regisseur walzt den Moment länger aus, als eine durchschnittliche Kinderlunge die Luft anhalten kann. Hinter mir – der Zug donnert in Zeitlupe auf den verzweifelten Jungen zu, der mit dem Fuß zwischen den Gleisen einer Weiche feststeckt – kümmert sich die ältere Schwester um die entsetzt quiekende jüngere:

Gleich wird er überfahren! 
Nein, wird er nicht. Der Zug fährt vorbei.  
Jetzt hat er ihn überfahren!
Okay, aber tot ist der Junge garantiert nicht.
Da – er liegt im Krankenhaus!
Ganz bestimmt ist ihm nicht viel passiert.
Aber guck mal, der hat ein Bein ab! 
 Na ja …
[Kurze Pause, und dann:]
Eins hat er ja noch.

Mittwoch, 14. Februar 2007

Berlinale (3) - Die Dötzeken

Zur ersten Kurzfilm-Runde überfluteten gestern die Dötzeken den Zoopalast. Unüberschaubares Gewimmel und Gewusel, ein Meer von sicherheitsblinklichternden Jacken und Mützen, unüberhörbares Gekiekse und Gekreisch. Der Kinosaal verwandelte sich in einen einzigen Hort gespannter, erwartungsvoller Aufregung, und wenn die Dötzeken aufgeregt sind … Ich drückte mich in meinen Sitz und überlegte, was wohl passiert, wenn nur ein Viertel der kleinen Brüllwürfel während der Vorstellung beschließt, dass es ganz, ganz dringend und ganz, ganz gleich aufs Klo muss.

Hinter mir pflanzte eine Lehrerin ein zukünftig männliches Dötzeken auf zwei Rucksäcke, damit es über mich hinweg oder wenigstens an mir vorbei sehen konnte, und bereitete es schonend auf die kommenden sechzig Minuten vor: "Also, dieser große Vorhang da vorn, der wird nach oben gezogen. Und dann ist da ein Bild wie im Fernsehen, nur viel, viel größer. Es ist ganz toll. Ach ja, und vorher geht das Licht aus."

Ich habe noch nie zuvor einen Schock gehört. Eine Art tiefschwarzes, jeglichen Atems beraubtes Schweigen drückt gegen meinen Nacken. Dann ertönt ein kleines Wimmern: "Ich hab Angst im Dunkeln!"



Vorn erklimmt Thomas Heiler die Bühne vor der noch unsichtbaren Leinwand, erklärt mit breitem Grinsen, was gleich passieren wird und warum überhaupt, fragt, wer hier und heute zum ersten Mal im Kino sitzt (unzählige Arme fliegen hoch) und ich werde schrecklich nostalgisch und denke gerührt, dass in ein, zwei Minuten, sobald die Lichter erlöschen und der Vorhang sich hebt, einige der Dötzeken ihr Herz verlieren werden auf immer und ewig an die vielleicht einzige konstante Liebe ihres Lebens, das Kino.

Thomas Heiler tritt ab. Dunkelheit senkt sich über den Saal. Hinter mir ein so klägliches Fiepen, dass meine Nackenhaare sich aufstellen. Dann rauscht mitleidlos der Vorhang hoch, und los geht's. Der Berlinale-Bär leuchtet auf, zerplatzt in einem Feuerwerk und vergeht als glühender Goldregen. Tosender Applaus brandet auf. Diejenigen Dötzeken, die glauben, soeben den Hauptfilm gesehen zu haben, rüsten lautstark zum Aufbruch.

Aber sie verstummen und bleiben, denn jetzt laufen die Filme ab, vier an der Zahl, eine knappe Stunde dauert das magische Geflimmer im Dunkeln. Anteil nehmendes Seufzen rollt über den Saal, wenn's vorn auf der Leinwand einen der Guten erwischt. Erleichterter Beifall, wenn die Bösen eins auf die Mütze kriegen. Niemand muss Pipi.

Ende der Vorstellung, Lichter an. Ich blicke vorsichtig über die Schulter. Hinter mir sitzt das Dötzeken auf seinem Thron, die kleinen Hände auf den Knien, ein verklärtes Lächeln im Gesicht. Kann sein, das war's mit der Angst vor der Dunkelheit, für immer. Ich drehe mich wieder um und schließe die Augen. Muss ja keiner sehen, dass ich fast heule. Manchmal wächst einem Erwachsenen Eis ums Herz, ohne dass er es merkt, hier ein bisschen und dort ein bisschen. Man spürt es nicht wachsen, aber man merkt, wenn es taut.

Mein erster Kinofilm, ich war fünf Jahre alt, war Der Schatz im Silbersee.

Sonntag, 11. Februar 2007

Bahnfahren (3)

War ein langer Tag im Zoopalast. Drei Spielfilme, ein Interview, diverse Quetsch- und Schürfwunden bei dem Versuch, mir durch die hoffnungslos überfüllte Lobby einen Weg zur Herrentoilette zu bahnen, und irgendwann dazwischen ein hektisches Mittagessen bei Mövenpick, wo man mit meiner Suppe erst anrückte, als wir – die Jury – schon wieder abrücken mussten. Irgendwo am Grund der Suppenschale lag angeblich ein Mangoscheibchen; ich habe es nie erblickt. Aber ich hätte vorgewarnt sein müssen: Es bleibt nie bei einem singulären Unglück am Tag, wenn man nicht rücksichtsvoll mit dem Obst umgeht.



Bis vor einer guten Stunde dachte ich noch, für einen Menschen, der tiefes existenzielles Grauen empfinden möchte, sei es völlig ausreichend, Joseph Conrads Herz der Finsternis zu lesen oder seinen Telefonanschluss mit der Telekom umzuziehen. Es geht aber viel unkomplizierter: Man muss lediglich, nachdem man von der Berlinale abgekämpft nach Hause gekommen ist, den RBB einschalten und sich die Ausstrahlung von Die Schlager des Jahres 2006 antun. Hammer! Dort traten vorhin drei Berufsjugendliche auf, mit denen man nicht mal als bekennender Schwuler auf der einsamen Insel stranden möchte: Die Zipfelbuben.

Weit gefehlt, wer da glaubt, der Name der Band habe mit der Kopfbedeckung von Gartenzwergen zu tun. Nein, er steht vielmehr in Zusammenhang mit deren Hit Kedeng, Kedeng!, in dem es um Sexphantasien in der Deutschen Bahn geht und, zwei Refrains später, ums Ausleben derselben auf der heimischen Matratze. Mit der Aussicht auf eine Ehrenrunde endet das muntere kleine Lied, vermutlich, weil jeder der Sängerzipfel mal ran will.

Das RBB-Publikum – und dies war der Kern des Blicks in den tiefen, schwarzen Abgrund – beklatschte und bejohlte diesen verklemmten Scheiß dermaßen begeistert, als hätte es solchen Spaß zuletzt 1991 in Hoyerswerda gehabt. Rein freudianisch betrachtet, befand es sich jedenfalls in der gleichen Gemütslage. So was regt mich echt auf. Jetzt muss ich die ganze Woche, kedeng, kedeng, ans Bahnfahren und an brennende Asylbewerberheime denken. Hätten die dämlichen Mövenpicker mir rechtzeitig die Suppe serviert, wäre der ganze Tag anders verlaufen und ich wäre eventuell mit Sabine Christiansen davongekommen.



Berlinale (2) - Quaternio

Es gibt dieses ein bisschen wunderbare, ein bisschen gruselige Phänomen der Synchronizität. Der von mir hoch verehrte C. G. Jung hat es formuliert, und gestern bekam ich - wie es sich gehört: ganz unverhofft - mal wieder ein passendes Beispiel serviert. Da verteilte unsere russische Kollegin Sitora Alijeva beim morgendlichen Jurytreffen mit strahlendem Lächeln hübsche kleine Konservenbüchsen, abgefüllt auf der Halbinsel Kamtschatka.




I do believe in fairies, I do, I do ... !

Freitag, 9. Februar 2007

Berlinale (1) - Der Anzug

Er passt nicht mehr. Ich hab zugelegt, mindestens zwei Kilo, seit ich ihn letztes Jahr kaufte, weil zu einer Preisverleihung in Los Angeles Frackzwang bestand. Schweineteuer, das Teil, und dann hab ich nicht mal den Preis gewonnen (der ging, verdientermaßen, an Per Nilsson). Nach der Rückkehr landete der Anzug, so sicher verpackt wie ein Kernbrennstab, auf der Kleiderstange. Zum gestrigen Berlinale-Empfang habe ich ihn endlich wieder rausgekramt. Die Hose ließ sich kaum zuknöpfen und die Jacke spannte ein bisschen überm Bauch. Tiefe Depression. Ein gut geschnittenes, schönes Kleidungsstück sollte seinem Träger einen Evolutionsvorteil verschaffen. Ich sah aus wie ein zum Untergang verurteilter Genpool.

Deshalb hab ich bei der Feier ganz wenig gegessen. Zuerst irgendwas Winziges, das in ein noch winzigeres Stückchen Stör gewickelt war, was mir im unmittelbaren Nachhinein entsetzliche Gewissensbisse bereitete. Womöglich war der Stör so ein armer Sklavenfisch ohne Bodenhaltung gewesen, jahrelang seines Rogens beraubt, um zuletzt, nach einer dunklen Flugreise im Bauch irgendeines Kerosin verspritzenden Airliners, auf einem vorgewärmten Teller bei der Berlinale zu landen. Ich hasse es, wenn ich moralisch oder ökologisch entgleise. Weshalb ich so in Gedanken war an Störe und russische Kaviar-Gulags, dass ich versehentlich die Nachspeise, ein Löffelchen voller Pfefferminz-Parfait, auf eine der Damen des Wachpersonals katapultierte. Sie blieb erstaunlich gelassen, aber heutzutage, wo man nie weiß, was als möglicher Terroranschlag gewertet wird, schließt man in einem solchen Moment sofort mit seinem Leben ab. Es ist kein schönes Gefühl, wenn man dann denkt, man habe in seiner letzten Stunde auf diesem schönen Planeten etwas politisch Unkorrektes gegessen. Mit Salzstangen, Erdnüsschen und Fischlis wäre das alles gar nicht erst passiert.


Es liegt in der Natur einer solchen Veranstaltung, dass dort viele Prominente herumlaufen. Aber unglücklicherweise tragen die ihre Haut tagtäglich in langweiligen Talkshows zu Markte, weshalb ihr Anblick in persona den Betrachter dann gar nicht mehr weiter zu rühren vermag. Wer, wie ich, ein schlechtes beziehungsweise gar nicht vorhandenes Namensgedächtnis hat, kann später sowieso nicht damit angeben. Nur eine einzige Frau war da, vor der ich am liebsten ehrfürchtig in die Knie gegangen wäre: Irm Hermann, für mich die faszinierendste aller Fassbinder-Ikonen. Sie trug ein raffiniert schlichtes, orangefarbenes Kleid, das ganz wunderbar mit ihren rötlichen Haaren harmonierte, und ich glaube und hoffe, es ging ihr prima, denn sie strahlte von innen heraus wie ein zuverlässiges Leuchtfeuer. Eine wunderschöne Frau, die mich leider keines Blickes würdigte. Ärgerlich. Mit dem Taucheranzug wäre mir das nicht passiert.

Mittwoch, 7. Februar 2007

Zwei Jahre Lesen

Vor einiger Zeit packte mich, wie das immer mal wieder in größeren Abständen geschieht, eine kleine Sehnsucht nach den Werken von Jules Verne (1828 – 1905). Idiotischerweise las ich als Jugendlicher meine beiden Lieblingsbücher von ihm zuerst: Die Reise zum Mittelpunkt der Erde (1863) und Fünf Wochen im Ballon (1864). Es folgten, ohne dass ähnliche Begeisterung wie für die Vorgänger sich einstellen wollte, die Reise um die Welt in 80 Tagen, die Eissphinx und 20.000 Meilen unter dem Meer; außerdem ein Kompilation zweier Sachbücher Vernes um Seefahrer und Entdecker des 18. und 19. Jahrhunderts.




Die Reise zum Mittelpunkt der Erde und Fünf Wochen im Ballon waren – sieht man von den seit 1864 in Fortsetzungen erschienenen Reisen und Abenteuern des Kapitän Hatteras ab – Vernes beiden ersten Romane überhaupt. Insgesamt verfasste er an die sechzig Bücher, von denen ein gutes Dutzend literarische Unsterblichkeit erlangte. Fast jeder kennt Von der Erde zum Mond, Die geheimnisvolle Insel oder Der Kurier des Zaren. Seltener verlegte Titel wie Cäsar Cascabel oder Nord gegen Süd werden hingegen selbst Viellesern kaum geläufig sein, aber ein Dutzend mal Unsterblichkeit ist eigentlich auch völlig ausreichend.

Man weiß nicht, wofür Jules Verne den größeren Ruhm beanspruchen darf, ob als immens fruchtbarer Autor von Abenteuergeschichten oder - Großvater der Science Fiction wurde er genannt - als Visionär zukünftiger technologischer Entwicklungen. Vermutlich richtet sich das Urteil nach persönlichen Vorlieben. Seine Theaterstücke und Gedichte dürften – außer unter Liebhabern – schon ganz vergessen, seine Geschichtsbücher inzwischen von eher historischem als literarischem Interesse sein, und so manchem Kritiker gilt er als bürgerlich-fortschrittsgläubiger Moralist, dessen Werke eher langatmig und belehrend wirken denn spannend.

Mich jedenfalls haben als Junge Vernes Abenteuergeschichten gefesselt (der Technikkram interessierte mich nicht), von denen eine ganze Reihe bei Fischer erschienen war, wenn auch, was ich nicht wusste, in erheblich gekürzter Form. Diese Taschenbücher enthielten immer auch einige jener großartigen Illustrationen, meistens von Édouard Riou und Henri de Montaut, die Vernes Verleger Jules Hetzel sogar als Chromotypographien mit großem Erfolg unters Volk warf und die meiner Phantasie Flügel verliehen:



Man beachte die beiden Taucher unten links: Es waren solche Bilder, die mich unendlich faszinierten und meinen bis dahin gehegten Berufswunsch - Lokomotivführer - und dessen literarischen Auslöser - Jim Knopf - endgültig vergessen ließen. Ich war eindeutig zu Höherem berufen, respektive zu Tieferem. Tatsächlich beschäftigte ich mich später, während meines Biologiestudiums, dann auch mit Meeresbiologie und noch später, als ich Biologie sausen ließ, um mich den Medienwissenschaften zu widmen, mit den Verfilmungen von Jules Vernes Büchern.

Und so komme ich endlich zum eigentlichen Grund für dieses Geblogge: Heute ist endlich Zwei Jahre Ferien auf DVD erschienen, einer jener wunderbaren Adventsvierteiler des ZDF, die zwischen 1964 und 1983 über die bundesdeutschen Bildschirme flimmerten! Dieses hübsche kleine Epos (ein Alternativtitel war Piraten des Pazifik) wurde 1974 ausgestrahlt, kurz vor meinem dreizehnten Geburtstag. Damals hatte ich keinen dringenderen Wunsch, als dass Hauptdarsteller Marc di Napoli mir gratulieren möchte, gern auch unter vier Augen beziehungsweise, nach Abschluss der allgemeinen Feierlichkeiten, unter meiner Bettdecke. Da er sich nicht blicken ließ, pflasterte ich die Wände meines kleinen Zimmers mit Postern von ihm zu. (Ich brauchte dann fast weitere dreizehn Jahre, bis ich mich endlich outete; ein Ereignis, auf das meine Mutter seit jenen Poster-Exzessen in den Mittsiebzigern so vorausahnend wie geduldig gewartet hatte.)

So, und jetzt ist Herr di Napoli in mein Wohnzimmer zurückgekehrt. Weshalb ich den Blog hiermit schließe, um mir wenigstens den ersten Teil noch reinzupfeifen, bevor morgen die Berlinale ruft. Kaum zu fassen, dass ich meinen im vergangenen Frühling so widerwillig gekauften Anzug nun doch noch mal trage. Kaum zu fassen, dass ich überhaupt einen Anzug besitze. Vor dreißig Jahren wollte ich unbedingt ein Piratenkostüm oder einen Taucheranzug.

Montag, 5. Februar 2007

Vom Stein zum Haus

Falls irgendwer sich hier regelmäßig (oder auch unregelmäßig) herumtreibt, wird ihm die Umbenennung des Blogs auffallen: Aus Omphalos ist jetzt News from Visible geworden. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Erstens habe ich am recht knauserigen originalen HTML-Code der Seite herumgewurstelt, um endlich ein Foto über dem Titel einfügen zu können. Zwar würde niemand den darauf abgebildeten Häusern Ähnlichkeit mit griechischen Tempeln attestieren, dennoch wäre der Gesamteindruck damit ein eher missverständlicher.

Zweitens war es unüberlegt von mir, den Blog nicht von Anfang an nach seiner Web-Adresse zu benennen. Dieser Fehler ist jetzt korrigiert.

Drittens werde ich immer wieder von Lesern gefragt, ob Visible, das heruntergekommene Anwesen aus Die Mitte der Welt, Ähnlichkeit mit dem Haus hat, in dem ich aufgewachsen bin. Dieses Haus (meine Mutter und meine beiden Brüder leben heute noch darin) ist das mittlere auf obigem alten Foto. Visible steht knapp einhundert Meter davon entfernt, schräg rechts außerhalb des Bildes; eine spätwilhelminische Villa, von der ich leider keine charmante Aufnahme auftreiben konnte.

Als Kind erschien diese Villa mit ihrem bröckelnden Putz und den morschen Fensterläden mir riesig. Ich liebte die über ihren Garten verteilten moosbewachsenen Statuen. Die gibt es heute nicht mehr. Die Villa ist renoviert. Fast unmittelbar hinter ihr verläuft eine Umgehungsstraße. Überhaupt ist das Anwesen recht klein.

Wir schöpfen alle aus der Erinnerung.

Samstag, 3. Februar 2007

Bahnfahren (2)

Fast befürchtete ich, es gäbe über die nächste Bahnfahrt nichts zu berichten. Kennt man ja: Jahrelang erzählt man Freunden und Bekannten kleinere Anekdoten und größere Passionsgeschichten um die DB. Und dann nimmt man sich vor, seine Erlebnisse zu bloggen und es passiert - nichts mehr!

Aber auf die Bahn ist Verlass, und wenn nicht auf sie, dann auf die Mitreisenden. Gestern also, Strecke Berlin-Hamburg: Zwei Mitbürger mit Obdachlosenhintergrund (das ist die politisch korrekte Steigerung von Prekariat) kämpfen sich in den Waggon. Sie ein wenig füllig, er scharfe Falten im Gesicht, beide ausgerüstet mit dem kompletten Zehn-LIDL-Tüten-Hausstand. Es muss ihre erste Fahrt mit einem ICE sein, denn sie freuen sich wie ein Haufen Sextaner auf Klassenfahrt. Jedenfalls anfangs. Dann - der Zug steht noch im Hauptbahnhof - wird erste Kritik laut: Das Gepäck ist ja kaum unterzukriegen! Und guck dir mal die Fenster an, die sind doch nicht wirklich groß! Mal auf Deutsch gesagt: Die sind zu klein! Det janze Pannerahma für'n Arsch! Apropos Arsch: Das Klo ist hinter der ersten Klasse, ein einziges Klo für den ganzen Zug! Ich geh doch nicht durch die feinen Pinkel zum Pinkeln!

Unwillkürlich denke ich an Andreas Dresens Nachtgestalten und verknalle mich ein bisschen in das Paar. Der Zug setzt sich ruckend in Bewegung. Sie und er plumpsen vis-à-vis in ihre Tisch-Sitzplätze. Beide gucken aus den eben noch viel zu kleinen ICE-Fenstern auf das, was an Panorama da draußen vorbei rollt, und versinken in eine Art ehrfürchtiges Schweigen, das bis Hamburg anhalten soll. Kurz hinter Spandau nimmt er über den Tisch ihre Hände in seine. Die lässt er auch erst in Hamburg wieder los.

Am Tisch nebenan eskaliert derweil eine Zufallsbekanntschaft. Ein löwenmähniger Mittfünfziger spricht zunächst leise, dann immer lauter werdend auf eine ihm gegenüber sitzende Dame ein, die offenbar den Fehler begangen hat, ihm ihre derzeitige problematische Lebenssituation anzuvertrauen. Sie lauscht und nickt ergriffen, während er fachmännisch erklärt, was in ihrem Leben falsch gelaufen ist und wie sie das wieder hingebogen bekommt:

"Ihre Ich-Person muss von Ihrer handelnden Person lernen. Das können Sie! Momentan fehlt Ihnen da noch irgendwas in der Mitte. Aber deswegen sind Sie natürlich kein unfertiger Mensch."

Mittemäßig scheint er zu wissen, wovon er spricht, denn wenig später tönt er: "Glauben Sie mir, in meiner Haut möchten sie nicht stecken. Das möchten Sie nicht! Das wünsche ich keinem!" Ich nicke ihm zu, aufrichtig dankbar. Er registriert es nicht, wie könnte er auch: Die Welt ist für ihn ein silberner, spiegelnder Teich.

Die heutige Rückfahrt Hamburg-Berlin verläuft ruhiger. Nicht wirklich ruhig, weil ein paar HSV-Fans den Sonderzug nach Spandau verpasst haben und jetzt den ICE mit ihrem Gesang erfreuen: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin! Wir sind alle, alle Hamburger Jungs! Einer der Blauweißen lässt beim Aussteigen das Hamburger Abendblatt auf dem Sitz liegen. Schlagzeile auf der Rückseite: HUND ÜBERFAHREN -
ER LEBT!
Und als Nachsatz: Der Mischling war zu fett.

Es ist eine große, rätselhafte Welt.

Donnerstag, 1. Februar 2007

Autorenwerkstatt

Nach einem längeren Gespräch mit meiner Lektorin bei Carlsen habe ich beschlossen, die Arbeit an Das Haus in der Marsch mittelfristig ruhen zu lassen. Es ging und geht nicht mehr wirklich voran mit dem Schreiben, seit ich letzten Sommer aus gesundheitlichen Gründen auf der Nase lag. Das Buch wird sehr umfangreich, die Story ist recht ernst und komplex – selbst unter besseren Voraussetzungen schreibt ein solcher Roman sich nicht mal eben so runter.

Schön ist anders. Um mich nicht selber gänzlich frustriert im Regen stehen zu lassen, habe ich daher vor ein paar Tagen mit der Arbeit an einer kleinen, überschaubaren Geschichte für jüngere Leser begonnen. Die schreibt sich – wenigstens bisher – nicht nur sehr zügig, sondern erfüllt auch mein Bedürfnis, endlich mal wieder etwas Humorvolles in die Welt zu setzen. Sobald es spruchreife Resultate gibt, werde ich Infos zur Story, eventuell auch kurze Auszüge aus dem Text, hier veröffentlichen.

Sonst noch: Ein Drehbuch für Löwenzahn ist fertig. Inzwischen hat sich ausreichend herumgesprochen, dass Peter Lustig sich in den Ruhestand verabschiedet hat und von Fritz Fuchs (Guido Hammesfahr) abgelöst worden ist. Nachdem ich im Vorfeld dessen Figur mitentwickeln durfte, war es kein weiter Schritt zum Verfassen eines Drehbuches. Aber, nach vielen schlechten Erfahrungen mit anderen Produktionen, ein vorsichtiger. Meine Skepsis wurde inzwischen von Erleichterung abgelöst: Klasse Redakteure, ein kluges Produktionsteam und witzige, spannende, interessante und supernette andere Autoren. Sobald der Sendetermin (irgendwann im Herbst/Winter dieses Jahres) in greifbare Nähe rückt, weise ich gezielt darauf hin.

Sonst nöcher: Für den WDR arbeite ich an einer vierteiligen Dokumentation, die dem gebeutelten GEZ-Zahler das diesjährige Weihnachtsfest verschönern soll. Ob das funktionieren wird, bleibt abzuwarten. Habe mich jedenfalls für die Drehbücher und Co-Regie verpflichten lassen, darf aber Inhaltliches noch nicht ausplaudern, weil die Konkurrenz nicht schläft und gute neue Ideen, lauscht man den Sendeanstalten, begehrenswerte Mangelware sind. Diesem Mangel gegenüber steht ein Heer innovativer, risikobereiter heimischer Programmchefs und Redakteure; ein Ungleichgewicht, das bis auf Weiteres durch den Einkauf ständig neuer US-Serien ausgeglichen wird, die man – Ausnahmen wie die fast durchgängig wunderbaren HBO-Produktionen bestätigen die Regel – auf Grund der von ihnen ausgehenden Lobotomisierungsgefahr eigentlich unter "virtuell-biologische Kriegsführung" verbuchen müsste.

Genug geplaudert. Back to work ...