Sonntag, 1. Juli 2007

Die Null und das Nichts

Das ständig um neue Positionierungen bemühte Berliner Künstler-Kollektiv FMSW, von mir bereits an anderer Stelle in diesem Blog gewürdigt, ist aus Afrika zurückgekehrt. Oder vielmehr von jener Stelle vor der afrikanischen Küste, wo GREENWICH sozusagen auf den Äquator trifft oder, um es exakter auszudrücken: Wo der geographische LÄNGENGRAD und BREITENGRAD mit dem jeweiligen Wert 0 sich kreuzen. Diesen Nullpunkt hatte nämlich, wie FMSW aufgefallen war, bisher noch kein Mensch je markiert – was auch ein bisschen schwierig ist, liegt diese Stelle doch im tiefen, tiefen blauen Meer: Rundum Gewelle und Gewoge, da fällt ja nun auch wirklich kaum etwas auf, schon gar keine Null. Weshalb die Viererbande sich zunächst per Containerschiff und zuletzt mit einem Schnellboot an jene Kreuzung verfrachten ließ, um dort am 11. Juni dieses Jahres eine aus Edelstahl gefertigte Kugel zu versenken. Durchmesser 25 Zentimeter, Dicke 3 Zentimeter, Inhalt der für die zu erwartende Tiefe somit drucksicheren Kugel: Nichts. Oder besser gesagt: Ein VAKUUM.


Ein Brief meines Freundes Marcel, geschrieben am 25. Mai bei Position N 04'33'137 und W 002'20'067 , erreichte mich vergangene Woche. Zunächst ein Auszug zu den Annehmlichkeiten des Bordlebens:

Reisen per Schiff ist eine tolle Sache, die ich dir sehr ans Herz lege. Man hat so unglaublich viel Zeit für all das, für was man NIE Zeit hat. Lesen, Denken, Dämmern und immer wieder zum Horizont schauen, denn was anderes ist kaum da, oder auf die Brücke gehen, die Position überprüfen. Es gibt aber auch ein wenig Ablenkung, wenn man sie braucht. Es gibt einen Golfabschlagplatz, was ich sehr toll finde, leider habe ich bestimmt schon 20 Bälle direkt über das Fangnetz ins Meer geschossen, aber es sind noch genügend da ...


Falls nicht einer dieser verballerten Bälle von allein zum Nullpunkt fand, von einer launischen Meeresströmung gelenkt oder, ähnlich wie in David Wiesners wunderbarem Bilderbuch STRANDGUT von Seepferdchen oder Walfischen transportiert, bleibt ja immer noch die ihn inzwischen markierende FMSWsche Kugel:

Es ist eine ganz tolle Kugel und es wird uns allen sehr Leid tun, sie ins Wasser zu werfen, wo sie auf 5000 Meter absinken wird und dort wohl bis in alle Ewigkeit liegen bleibt, wenn nicht der Klimawandel eine Umwandlung des Golf von Guinea zur Wüste zur Folge haben sollte, was ich nicht glaube, aber dann würde sie wieder zum Vorschein kommen. Laut Berechnung braucht sie, um unten anzukommen, mindestens 20 Minuten, bei einem Gewicht von 40kg finde ich das sehr lange. Sag, das denke ich gerade, wann haben wir uns eigentlich das letzte Mal gesehen?


"Unsere Reise zum Nullpunkt", erklärten FMSW der TAZ, "ist eine Expedition zu einem Konstrukt, das mittels der Markierung in einen realen Ort überführt wird." Das wird den Anhängern der Röhrenden-Hirsch-Fraktion mal wieder nicht gefallen. Aber mir gefällt die Vorstellung, dass da ein Containerschiff über den GLOBUS schippert mit Marcel drin, der seine Tasche dabei hat mit einer Kugel drin mit einem recht sinnvollen Nichts drin.
Absatz

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