Mittwoch, 18. April 2007

Was wäre wenn

Von den ungezählten Büchern, die ich in meinen kürzlich abgeschlossenen drei Jahren als Juror für den Luchs gelesen habe, konnte gerade mal ein Händchen voll einen Dauerplatz in meinem Bücherregal erobern. Unter diesen Titeln befindet sich wiederum nur ein einziger, dem ich literarische Unsterblichkeit wünsche, nämlich Meg Rosoffs So lebe ich jetzt. Die Geschichte um ein Mädchen, das in jenem nächsten großen Krieg, der in unser aller Köpfen längst stattgefunden hat, zu überleben versucht, ist – unter dem Strich – von einer lakonischen und traurig-zarten Poesie, wie ich sie eigentlich nur von GEORGE ORWELL kenne.



Es ist bezeichnend für den deutschen Buchmarkt – oder besser gesagt: fürs deutsche Lesepublikum –, dass So lebe ich jetzt bei uns ausschließlich als Jugendroman durchgegangen ist, während der Roman in England wochenlang die belletristische Bestsellerliste anführte. Wir Deutschen brauchen eben unsere Schubladen; fatalerweise. Denn während öffentliche Diskussionen sich fröhlich um Krippenplätze oder den Schutz der Dötzeken vor den Gefahren des WWW, um Handyverbote und Killerspiele drehen, gestehen die Diskutanten ihren in rhetorische Geiselhaft genommenen Schützlingen gerade mal so viel Wert zu wie der für sie verfassten Literatur. Wenn man da überhaupt von Literatur sprechen kann, denn eigentlich ist das Kinder- und Jugendbuch doch kaum mehr als die Erweiterung der Grimmschen Märchen mit wenig kunstfertigen Mitteln: Kinder machen kann jeder, Bücher für sie schreiben auch; das Kind muss erzogen werden, das Buch soll erziehen, doch letztlich sind weder Kind noch Buch wirklich ernst zu nehmen - Schublade zu! Und wer mir an dieser Stelle gekränkte Eitelkeit unterstellt, versteht mich miss: Es geht mir einfach auf den Sack, dass die vermeintliche Würde und der Schutz und die Förderung von Kindern und Jugendlichen von denselben Politikern im Mund geführt wird, die durch bigottes wie halbherziges Handeln zu verstehen geben, dass ihnen diese Klientel in Wirklichkeit am wie auch immer parteipolitisch gefärbten Arsch vorbei geht. Die Bälger sollen später einfach bloß unsere Renten finanzieren, und vorher haben sie zu konsumieren, dass die Schwarte kracht - aus Max wird DAX, Kinder sind Zukunft.

Nein, ich wollte das nicht sagen. Ich wollte nicht derlei grobe Worte wählen in einem Blog, der auch von Schülern aufgesucht wird. Ich wollte eigentlich verlogen und quasi-totalitär, mit anderen Worten also: politisch korrekt bleiben, weil das als Haltung einfach zeitgeistmäßig schick ist, von Erziehungsberechtigten nicht geahndet und von der Gedankenpolizei nicht verfolgt wird.



Besser, ich kümmere mich wieder um Meg Rosoff. Ähnlich wie So lebe ich jetzt oder noch schlimmer wird es wohl auch Was wäre wenn ergehen, ihrem zweitem Roman, soeben bei uns erschienen und übrigens einmal mehr ins Deutsche übersetzt von Brigitte Jacobeit, einer Frau, die mit einer so luziden und dabei unaufdringlichen Präzision und Intuition arbeitet, dass dagegen 90 Prozent aller übrigen Übersetzer einfach kläglich absaufen. Was wäre wenn ist sperrig und erfordert konzentriertes Lesen. Das Buch pfeift in seiner Geschichte um das Phänomen der teenage angst auf gängige Erzählkonventionen und müsste, wenn es einen Gott gäbe, sowohl Goldings LORD OF THE FLIES wie auch Goethes WERTHER von den Leseplänen unserer Schulen fegen. Leider gibt es aber nur Annette Schavan, die für reformpolitische Frontalunfälle wie jenen, dass unsere Schulen immer noch der Bildungshoheit der Länder unterstellt sind, auch noch den Diesel liefert. Das stinkt.

Ich höre jetzt damit auf. Eigentlich gibt es keinen Grund für schlechte Laune oder gar Sarkasmus. Das Wetter ist wunderbar, das Leben ist schön, und die einzige mich momentan wirklich bewegende Frage ist die, ob ich heute noch zu LIDL den Hochland-Kaffee kaufen gehe oder mir morgen früh schon wieder Espresso reinpfeife.



Um abschließend zu Meg Rosoff zurückzukehren: Die Dame (jawohl: Dame! Ich habe selten eine beeindruckendere Frau kennen gelernt und mich selten auf Anhieb dermaßen verknallt) steckt mit ihren Büchern stilistisch wie inhaltlich so gut wie jeden derzeit schreibenden Jugendbuchautoren locker in die Tasche, allen voran den bis zum Abwinken gehypten Kevin Brooks.



"Ich glaube nicht an ein personifiziertes Schicksal, das unser Leben bestimmt", erklärt Rosoff in einem ausführlichen INTERVIEW, "aber Sie werden mich trotzdem nie dabei erwischen, dass ich unter einer Leiter durchspaziere." In Was wäre wenn lässt sie den 15-jährigen Justin nach einem ihn zutiefst verstörenden Schlüsselerlebnis – sein kleiner Bruder fällt aufgrund von Justins Unachtsamkeit beinahe aus dem Fenster – mit dem Schicksal ringen, und zwar wortwörtlich. Denn das Schicksal bekommt seine eigene Stimme, und wie das dann so geht: Es ist ein ausgewiesenes Miststück. Es setzt Justin auf die Abschussliste. Weshalb der Junge sich in eine Vorstellungswelt flüchtet, die vielleicht gar keine Vorstellungswelt ist, ihm aber auf jeden Fall Sicherheit verspricht. Denkt er. Und denkt und denkt, und plumpst dabei tiefer und tiefer in ihm vom Schicksal gestellte Fallgruben, als eine ALICE in ihrem Wunderland sich das je hätte träumen lassen. Oder auch nicht träumen.

Kaufbefehl also, auch wenn's anstrengend wird.
Abstand

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen