Samstag, 21. April 2007

Nomina nuda tenemus

Es gibt Tage, da liest man Nachrichten und kann nicht so viel essen, wie man, ehm, gleich wieder ausspeien möchte. Also sieht man schnell von den Nachrichten weg, zum Beispiel zu Boden. Was man besser lassen sollte, denn da liegen ja nun all diese kleinen Bröckchen rum. Und wie das so ist mit der Faszination des Ekels: Man guckt die Bröckchen an und überlegt, dass es eigentlich noch nie eine wirklich freundliche Bezeichnung für sie gab. Also versucht man, sich eine auszudenken.

Als Kind seiner Zeit muss man dabei POLITISCH KORREKT vorgehen. Ein hellgrünes Bröckchen soll sich zum Beispiel nicht benachteiligt fühlen gegenüber einem senfgelben, große Brocken dürfen kleineren nicht vorgezogen werden, und man tut gut daran, sich zu eventuell verschiedenartigen Konsistenzen gar nicht erst zu äußern. Die Bezeichnung darf außerdem in keinster Weise herablassend oder gar diskriminierend wirken; gleichzeitig sollte sie – entgegen der politisch korrekten Gepflogenheit, für knappe Sachverhalte unglaublich lange und verschwurbelte Umschreibungen zu verwenden – auch kurz sein und griffig, damit sozial oder intellektuell benachteiligte Menschen mit nicht ausreichendem Bildungshintergrund sie ohne angestrengtes Nachdenken ebenfalls verwenden können.



Im ersten Benennungs-Anlauf scheiterte ich kläglich und beschloss zuletzt, das Elend erstmal mit dem Putzlappen zu beiseitigen. Aber vorhin, beim Einkaufen, fiel mir endlich eine richtig gute Bröckchen-Bezeichnung ein! Und zwar, als ich kurz mit der Kassiererin sprach, einer älteren Dame, die sichtlich Probleme damit hatte, eine Plastiktüte fürs Gemüse auseinander zu pfriemeln – Rheuma in den Fingern und Gelenken, aber es gehe mal so, mal so, erklärte sie. Nach längerer Arbeitslosigkeit sei sie vergangenen Dezember von einer Zeitarbeitsfirma an ihren derzeitigen Arbeitgeber vermittelt worden und sehr glücklich darüber, dass sie nun die kibbelige Sache mit ihrer Rente doch noch hinkriegt; immerhin sei sie schon sechzig Jahre alt. Ihre Rente wird sich in fünf Jahren, nach lebenslangem Arbeiten (natürlich abzüglich der Zeit, in der die gerissene Alte Rheuma simuliert und sozialschmarotzt hat) auf etwa 700 Euro belaufen. Da kann man, wie der Berliner gern sagt, doch echt nicht meckern! Und sich ruhig auf die billigen dritten Zähne beißen, wenn die Plastiktüten mal wieder nicht so richtig wollen.



Na ja, und während ich noch mit dieser Kassiererin in geteilter Freude über ihren wirklich geilen Job und ihr fettes, mit der Zeitarbeitsfirma schwesterlich geteiltes Einkommen um die Wette strahlte, kam mir urplötzlich eine wunderbar wertneutrale Bezeichnung für das hässliche Brockenwort in den Sinn. Kaum wieder zu Hause, habe ich soeben aufgeregt Google bemüht, um sicher zu sein, dass es ein originärer Name ist. Meine Enttäuschung ist groß – die Bezeichnung existiert schon. Und ob der geneigte Leser es nun glaubt oder nicht: Sie hat sogar eine eigene Homepage! Allerdings fehlt dort bisher noch ein Link zu jener Nachricht, wegen der ich heute Vormittag den Boden aufwischen musste. Der sei hiermit nachgeliefert.
Abstand

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