Samstag, 14. April 2007

Bahnfahren (4)

Als ich vor Ostern zum Renovierungstrip nach Hessen aufbrach, saß mir in der Bahn ein etwa vierzehnjähriger adipöser Teenager gegenüber, der wie ein Schlot rauchte, sich dabei auf seinem Laptop durch irgendein Ballerspiel metzelte und jeden Levelwechsel damit markierte, dass er abwechselnd seine Fingernägel oder ein paar Riegel Kinderschokolade fraß. Es war eines jener Ereignisse, denen man in ähnlich faszinierter Fassungslosigkeit zuschaut wie einer Astrologin beim Orakeln auf 9live, dem bundesdeutschen Klatschvieh beim Musikantenstadl oder Kindern mit Sturzhelm auf einem Fahrrad mit Stützrädern. Alle 50 Kilometer kullerten ein paar mehr achtlos zusammengeknüllte Wickelpapierchen über den Tisch. Als der Junge bei geschätzten 10.000 Kalorien und der Zug in Kassel angekommen war, musste ich umsteigen. Ich kaufte mir sofort meine eigene Tafel Kinderschokolade.



Das ist jetzt gut zwei Wochen her, ich habe seitdem knapp vier Pfund zugenommen und bin glücklich. Bis Ende April will ich nämlich fit sein fürs deutsche Sportabzeichen, das Ferrero mit der Aktion just sports unters Volk zu bringen versucht: Man erhält zwei goldene Sport-Taler pro Tafel Kinderschokolade. Sind 200 Stück davon gesammelt, darf man sich eine "exklusive Sportprämie" von adidas aussuchen. Ich habe mich für fetteste Prämie von allen entschieden, ein schickes Kapuzenshirt, auf dessen Revers ich mir das begehrte Abzeichen dann heften kann. Das Shirt ist tiefblau gehalten, also klug gewählt, denn dunkle Farben tragen nicht so auf. Impossible is nothing.



Ich gebe zu, ich bin ein wenig spät dran mit meiner Teilnahme an der Aktion. Sie läuft bereits am 30. April aus, weshalb ich seit der Zugfahrt täglich dreieinhalb Packungen Kinderschokolade esse, um die blöden 200 Taler zusammen zu kriegen. Zwar versprechen andere Ferrero-Ferkeleien ebenfalls einen Goldregen, aber ich bin produkttreu. Außerdem kann man keine ordentlichen Liegestütze mehr machen, geschweige denn schnittig um eine Ecke laufen, nachdem man fast vier Schachteln Mon Chéri in sich reingestopft hat. Und Kinderschokolade hat den Vorteil, dass sie nicht nur lecker ist, sondern auch wahnsinnig gesund. Sie enthält nämlich die berühmte Extraportion Milch, die laut Packungsangabe 33 Prozent des Gesamtgewichts einer Tafel ausmacht. In Flüssigkeit gemessen wären das etwa vier Esslöffel pro Tag. Von denen man ja nun echt nicht verlangen kann, dass deutsche Mütter sie ihren unwilligen Kindern zwangsweise einflößen, wenn es doch deutlich praktischer geht – zumal Kinderschokolade mit der leichten Portionierbarkeit durch einzeln verpackte Riegelchen prahlt. Ökologisch betrachtet entsteht dabei zwar auch ein leichtes Sauereichen durch die vielen Einzelverpackungen, aber dafür senkt sich nach Erhalt des Sportabzeichens ob verbesserter Atmung ja auch der CO2-Ausstoß. Und was drohende Karies angeht: Die Dötzeken kriegen, sobald der Sturzhelm abgelegt ist, sowieso ihr erstes Bleaching verpasst, um sie fit für den zukünftigen Kampf um Arbeitsplätze zu machen. Da kann man en passant auch gleich die Löcher in den Zähnen mit Porzellan ausbetonieren.



Tja, und was soll ich nun sagen? Seit ich mir neben allen übrigen Mahlzeiten auch noch Kinderschokolade reinpfeife, fühle ich mich großartig! Was sicher daran liegt, dass ich aufgrund meines verspäteten Ehrgeizes mit dreieinhalb täglich zu verspachtelnden Tafeln haargenau die von Ernährungswissenschaftlern empfohlene Tagesdosis an Vitamin B2 und Phosphor zu mir nehme. Meine Nerven sind schon viel strapazierfähiger geworden und mein Mann findet mich nachts sogar im Dunkeln, weil ich von innen heraus leuchte. Keine Ahnung, wie viele Fingernägel ich essen müsste, um denselben Effekt zu erzielen, aber ohne die Unterstützung durch Nachbarn oder Freunde käme ich damit garantiert nicht hin.

Etwas Sorge bereiten mir lediglich die zusätzlichen 1952 Kalorien pro Tag und die Überlegung, dass ich mich irgendwann ein bisschen bewegen muss, wegen des Sportabzeichens und so weiter. Von nichts kommt ja bekanntlich nichts. Aber ich bin guter Dinge. Sobald ich erfolgreich hochgerechnet habe, wie sich mein bis Ende April hinzugewonnenes Körperfett auf die Größe des einzufordernden Kapuzenshirts auswirkt, kann's losgehen. Wenn mich der Rappel packt, leg ich vielleicht sogar noch 50 Sporttaler drauf für ein passendes Basecap. Das wären nur 25 Tafeln mehr. Und zur Not kann ich immer noch die Produkttreue sausen lassen und auf Hanuta ausweichen.
Abstand

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