Sonntag, 18. März 2007

Lissabon

Am 14. November dieses Jahres würde Astrid Lindgren ihren 100. Geburtstag feiern. Pippi, Kalle und Ronja, die Kinder aus Bullerbü und Saltkrokan werden also einmal mehr Hochkonjunktur haben. Es wird Festschriften hageln, Jubiläumsbände werden den Markt überschwemmen, und wir älteren Leser sollten spätestens diesen Trubel zum Anlass nehmen, erneut das eine oder andere jener liebenswerten Bücher aufzuschlagen, deren kindliche Helden mit entwaffnendem Humor die Welt der Erwachsenen ad absurdum führen. Lohnen würde sich das allemal. Astrid Lindgrens Humor funktioniert, das ist Teil seiner zeitlosen Qualität, auf Große entschieden anders als auf Kleine, nämlich doppelbödiger und damit mindesten doppelt so amüsant.


Bis heute gibt es vermutlich kaum ein lesendes Kind, das nicht mit der einen oder anderen Lindgren-Figur vertraut ist. Aber keine dieser Figuren hat einen dermaßen archetypischen Status erreicht wie Pippi Langstrumpf. Die rot bezopfte Villenbesitzerin hat längst Eingang ins kollektive kulturelle Unterbewusstsein gefunden – wozu sie auch ausgiebig Zeit hatte: Viele Leser zeigen sich erstaunt, wenn sie erfahren, dass Pippi bereits 1945 das Licht der Welt erblickte, ein Mädchen, von dem Astrid Lindgren ihrer erkrankten Tochter erzählte und dessen außerordentliche Abenteuer sie schließlich niederschrieb.

Selber erblickte ich Pippi 1969 zunächst nur auf der großen Leinwand, im ersten von vier Spielfilmen (die auf lediglich drei Büchern basierten). Und näher ließ ich sie nachfolgend auch nicht an mich herankommen. Diese Göre machte mir Angst. Im Kino konnte ich sie auf angemessener Distanz halten, aber in den Büchern, die ich anschließend zu lesen versuchte, kam sie mir zu nahe. Ich hielt eine Art instinktiven Sicherheitsabstand zu ihr ein. Wäre ich gefragt worden, warum, hätte ich vermutlich erwidert, dass ich ihre großen Zähne nicht mochte. Zuletzt vergaß ich sie, aber hin und wieder, wenn ich in späteren Jahren in einer Buchhandlung oder in der Videothek herumstöberte, war sie plötzlich wieder präsent, irgendwo im selben Augenwinkel, aus dem heraus man bei nächtlichen Spaziergängen hinter dunklen Büschen plötzlich Rotkäppchens Wolf zu entdecken glaubt.

Dann, vor einiger Zeit, sah ich Inger Nilsson in einer Talkshow. Diese Frau, die ein Leben lang im übergroßen Schatten des von ihr verkörperten sommersprossigen Mädchens stand, war beeindruckend ruhig und abgeklärt. Am nächsten Tag begann ich eine Kurzgeschichte zu verfassen, die noch heute zu meinen hauseigenen Favoriten zählt. Inger rettet dem Erzähler dieser Geschichte ein bisschen das zukünftige Leben. Als er merkt, dass er sie liebt, ist sie längst wieder verschwunden, ein melancholisches Mischwesen, hervorgegangen aus der bärenstarken Pippi und jener inzwischen erwachsenen, sensiblen Schauspielerin, die mir so unendlich leid getan hatte, weil es sich in ewigen Schatten nun mal einfach nicht schön und gut lebt.

Als ich vergangenes Jahr gefragt wurde, ob ich einen kleinen Artikel zum Lindgren-Jubiläum verfassen wolle, verdankte ich diese Ehre vermutlich jener Kurzgeschichte. Ich lehnte dankend ab. Mir fiel keine wirklich passende Antwort auf die Frage ein, ob irgendeine Lindgren-Figur mein Leben beeinflusst hatte, sei es nachhaltig oder flüchtig. Eine unpassende hingegen schon. Doch eine nähere Erläuterung dieses sich mir urplötzlich aufdrängenden, geradezu epiphanischen Geistesblitzes erschien mir weder als passend noch als sonderlich reizvoll für kindliche Leser. Aber ich trug ihn einer Bekannten vor, gepaart mit der vagen Aussicht, ihn irgendwann niederzuschreiben. Und eben jene Bekannte schrieb mich gestern an und fragte, wie es denn um den Pippi-Text steht. 


So here goes: Pippi war ein Monster. Ihr Anarchismus trieb mir den kalten Angstschweiß auf die Stirn, weil jeglicher kindliche Versuch meinerseits, mich anarchisch zu geben, von meinem Vater gnadenlos niedergeknüppelt wurde. Nicht mal Pippis übermenschliche Stärke wünschte ich mir, denn das war genau die Art Stärke, mit der man auch einen Knüppel schwingt. Pippi eckte an und lachte dabei auch noch, aber ich wollte ein kantenloses Leben. Das einzige, worum ich sie heftig beneidete – was ja auch kein allzu positives Gefühl ist – war ihr abwesender Vater und der Haufen Kohle, den sie besaß.
Annika war ihr genaues Gegenteil, eine spießige Langweilerin, die vermutlich heute noch Tischdeckchen häkeln oder Servietten falten würde, bis die Gicht sie niederstreckt, wenn die Efraimstochter sich ihrer nicht angenommen hätte. Außerdem war Annika dumm, wenn auch nicht zu dumm, um Kleiner Onkel zu reiten. (In einem hübschen Interview mit Pär Sundberg und Maria Persson, die in den Filmen Tommi und Annika verkörperten, erklären die beiden übrigens, der arme Gaul sei ständig gedopt gewesen, ganz anders als der hibbelige Affe Herrn Nilsson, den man den Kindern auf den Schultern ankettete, weshalb er ihnen gern an den Haaren herumzerrte oder sie aus Protest bepinkelte.)


Zwei Mädchen also, die eine zum Fürchten stark, aufwieglerisch und mit Zähnen gesegnet, auf die ihr Pferd so neidisch war, dass es Flecken kriegte. Die andere eine Schleimerin vor dem Herrn, die dich bei Klassenarbeiten höchstens gegen Bestechung abschreiben lassen würde, nur um dich anschließend brühwarm, aber mit einem kalten Lächeln an den Lehrer zu verpfeifen. Angesichts einer solchen Auswahl an weiblichen Rollenvorbildern blieb einem kleinen Jungen kaum etwas anders übrig, als sich in den keinem Abenteuer abgeneigten Tommi zu verknallen. Und genau das tat ich. Es war eine schmerzlose Liebe, denn ich war klein und mir ihrer nicht wirklich bewusst, und sie hielt nicht lange an.

Heute bin ich Frau Lindgren dafür dankbar, dass ihre Pippi versucht hat, einem Blinden die Augen zu öffnen. Meine lesbischen Freundinnen werden nicht müde zu beteuern, welch großartiges Rollenvorbild sie in Pippi hatten. Und manchmal liege ich abends wach und frage und frage: Wie in aller Welt hätte ich mich wohl entwickelt, wenn ich mich weniger auf Pippis Stärke als auf ihren die ganze Welt in Frage stellenden Witz konzentriert hätte?

Keine Kommentare: