Mittwoch, 7. März 2007

Hin und weg

Das erste Sachbuch, das mich jemals in seinen Bann zog (und nie wirklich wieder losgelassen hat) war C. W. Cerams Archäologie-Roman Götter, Gräber und Gelehrte. Ich entdeckte es als Dötzeken im elterlichen Bücherschrank, unmittelbar neben Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums, in die ich mich ebenfalls lebenslänglich verliebte (so sehr, dass ich schließlich – als Erwachsener – einigen ihrer antiken göttlichen Protagonisten in Die Mitte der Welt modernes Leben einzuhauchen versuchte).

Beide Bücher, die Götter wie die Sagen, gehen den Geheimnissen der Welt und unseres Seins ziemlich charmant an die Wäsche, das eine unter historischen, das andere unter mythologischen Prämissen, beide nie langweilig, jedes auf seine Weise mustergültig. Und beide lenkten meine Interessen in bestimmte, sich glücklich ergänzende Richtungen: Von Cerams Berichten um verschüttete Kulturen und Zivilisationen war es kein weiter Weg zu den Reisen der großen Weltumsegler und Entdecker ... wobei das Dötzeken all diese Geschichten immer dann am besten fand, wenn heldenhaften Männer darin unter möglichst blutrünstigen oder anders erschreckenden Umständen für ihre Ideale draufgingen: James Cook wurde von Eingeborenen auf Hawaii niedergemetzelt, Magellan auf den Philippinen, und Robert F. Scott gefror zum Eisklotz, nachdem er nur einen tragischen knappen Monat nach seinem Konkurrenten Amundsen endlich den geographischen Südpol erreicht hatte.


Andere Weltfahrten waren mythologischer Natur (und damit per se auch nicht wirklich jugendfrei). Schwabs Sagen des klassischen Altertums faszinierten mich vor allem mit ihren Göttergeschichten; dennoch waren sie nur die Hälfte wert ohne die Irrfahrten eines Odysseus oder eines Jason, die ich viele Jahre später in den Mythenforschungen eines Joseph Campbell genauso untersucht fand wie in der Archetypenlehre eines C. G. Jung. Und wenn ich mich noch viel später in irgendeiner emotional verfinsterten Stunde fragte, warum und wofür ich mir den ganzen Krempel überhaupt je angelesen hatte, suchte ich mein Heil eben bei Goethes Faust.

So, und nach dieser kleinen Einführung komme ich zum eigentlichen Beweggrund für den heutigen Blog-Eintrag: Am vergangenen Wochenende verlustierte ich mich mit zwanzig Leuten meines Abi-Jahrgangs in Dresden, hatte aber nach einer ausufernden Stadtrundfahrt keine Lust, mir mit den anderen auch noch die zusammengerafften barocken Reichtümer Augusts des Starken in den Grünen Gewölben anzusehen, weshalb ich lieber die dort residierende Buchhandlung heimsuchte. Und da lag er, dieser dicke, fette Foliant mit dem harmlos-schlichten Titel Reiseberichte. Im Nachhinein – inzwischen habe ich mich kundig gemacht – kann ich mal wieder nur den Kopf schütteln über meine sozusagen weltläufige Ignoranz, denn das Buch wurde letztes Jahr ob seines Erscheinens rauf und runter durch die Presse gepeitscht; nur an mir ging der Rummel spurlos vorbei.


Travelogues, so der Originaltitel des kleinen Wunders, ist eine Wortschöpfung des umtriebigen Amerikaners Burton Holmes, der zwischen 1892 und 1952 unzählige Male den Globus bereiste, um seine unterwegs aufgenommenen Fotos (insgesamt über 30.000, später ergänzt durch Dutzende Dokumentarfilme), anschließend in allen großen amerikanischen Städten – insgesamt vor einem Millionenpublikum – zu zeigen. Holmes war der Pionier der heutigen Diaschauen auf Großbildleinwänden, ein ebenso höflicher wie exzentrischer kleiner Mann, der am liebsten in Kimonos durch die Gegend rannte und dessen einzige Leidenschaft es war, alle Wunder dieser Welt zu sehen: "Die einzigen Dinge, die mir gehören, die immer noch das wert sind, was sie gekostet haben, sind meine Reiseerinnerungen, die geistigen Bilder von Orten, die ich über ein halbes Jahrhundert lang gehortet habe wie ein glücklicher Geizhals."


Und es sind diese Bilder, die – man verzeihe mir den Pathos – förmlich den Atem raubten, als ich die Reiseberichte aufschlug: Von Hand (mit einhaarigen Hermelinpinseln!) nachkolorierte Schwarzweißaufnahmen, deren Inhalte und Farben auf geradezu unheimliche Art und Weise den nie wirklich fassbaren Inhalten und Farben der Imagination des Dötzekens entsprechen, wenn es mit Cook im Pazifik und mit Amundsen am Südpol unterwegs war, mit Schliemann in Troja und mit Carter in Ägypten. Oder, knapper ausgedrückt: Da hat jemand mit Licht und Farben meine Träume gemalt, lange bevor ich auf der Welt war, und ich bin erst jetzt darauf gestoßen!

Es gibt da diese zwei gleichermaßen schrecklichen Vorstellungen von meinem eigenen Ableben: In der ersten liege ich kurz vor Tot auf dem Lager, und mein allerletzter klare Gedanke ist: Oh, jetzt gerade, in diesem Moment, habe ich alles verstanden! Die zweite ist kaum besser: Da tritt irgendwer an mein Sterbelager, hält mir ein Buch hin und sagt: Ich fress dir jetzt nicht nur die letzte Schokolade weg, sondern ich hab dir auch was mitgebracht – guck mal: Das hier wäre dein Lieblingsbuch gewesen, aber du hast es nie gekannt, nie gelesen, dein Leben war so viel ärmer ohne dieses eine, dieses großartige Buch!


Es ist ein sehr beruhigendes Gefühl, dieser Pappnase nun mit verlöschender, aber einigermaßen sicherer Stimme entgegnen zu können: Pack die Schokolade ein und verzisch dich, du Penner!

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