Mittwoch, 7. Februar 2007

Zwei Jahre Lesen

Vor einiger Zeit packte mich, wie das immer mal wieder in größeren Abständen geschieht, eine kleine Sehnsucht nach den Werken von Jules Verne (1828 – 1905). Idiotischerweise las ich als Jugendlicher meine beiden Lieblingsbücher von ihm zuerst: Die Reise zum Mittelpunkt der Erde (1863) und Fünf Wochen im Ballon (1864). Es folgten, ohne dass ähnliche Begeisterung wie für die Vorgänger sich einstellen wollte, die Reise um die Welt in 80 Tagen, die Eissphinx und 20.000 Meilen unter dem Meer; außerdem ein Kompilation zweier Sachbücher Vernes um Seefahrer und Entdecker des 18. und 19. Jahrhunderts.




Die Reise zum Mittelpunkt der Erde und Fünf Wochen im Ballon waren – sieht man von den seit 1864 in Fortsetzungen erschienenen Reisen und Abenteuern des Kapitän Hatteras ab – Vernes beiden ersten Romane überhaupt. Insgesamt verfasste er an die sechzig Bücher, von denen ein gutes Dutzend literarische Unsterblichkeit erlangte. Fast jeder kennt Von der Erde zum Mond, Die geheimnisvolle Insel oder Der Kurier des Zaren. Seltener verlegte Titel wie Cäsar Cascabel oder Nord gegen Süd werden hingegen selbst Viellesern kaum geläufig sein, aber ein Dutzend mal Unsterblichkeit ist eigentlich auch völlig ausreichend.

Man weiß nicht, wofür Jules Verne den größeren Ruhm beanspruchen darf, ob als immens fruchtbarer Autor von Abenteuergeschichten oder - Großvater der Science Fiction wurde er genannt - als Visionär zukünftiger technologischer Entwicklungen. Vermutlich richtet sich das Urteil nach persönlichen Vorlieben. Seine Theaterstücke und Gedichte dürften – außer unter Liebhabern – schon ganz vergessen, seine Geschichtsbücher inzwischen von eher historischem als literarischem Interesse sein, und so manchem Kritiker gilt er als bürgerlich-fortschrittsgläubiger Moralist, dessen Werke eher langatmig und belehrend wirken denn spannend.

Mich jedenfalls haben als Junge Vernes Abenteuergeschichten gefesselt (der Technikkram interessierte mich nicht), von denen eine ganze Reihe bei Fischer erschienen war, wenn auch, was ich nicht wusste, in erheblich gekürzter Form. Diese Taschenbücher enthielten immer auch einige jener großartigen Illustrationen, meistens von Édouard Riou und Henri de Montaut, die Vernes Verleger Jules Hetzel sogar als Chromotypographien mit großem Erfolg unters Volk warf und die meiner Phantasie Flügel verliehen:



Man beachte die beiden Taucher unten links: Es waren solche Bilder, die mich unendlich faszinierten und meinen bis dahin gehegten Berufswunsch - Lokomotivführer - und dessen literarischen Auslöser - Jim Knopf - endgültig vergessen ließen. Ich war eindeutig zu Höherem berufen, respektive zu Tieferem. Tatsächlich beschäftigte ich mich später, während meines Biologiestudiums, dann auch mit Meeresbiologie und noch später, als ich Biologie sausen ließ, um mich den Medienwissenschaften zu widmen, mit den Verfilmungen von Jules Vernes Büchern.

Und so komme ich endlich zum eigentlichen Grund für dieses Geblogge: Heute ist endlich Zwei Jahre Ferien auf DVD erschienen, einer jener wunderbaren Adventsvierteiler des ZDF, die zwischen 1964 und 1983 über die bundesdeutschen Bildschirme flimmerten! Dieses hübsche kleine Epos (ein Alternativtitel war Piraten des Pazifik) wurde 1974 ausgestrahlt, kurz vor meinem dreizehnten Geburtstag. Damals hatte ich keinen dringenderen Wunsch, als dass Hauptdarsteller Marc di Napoli mir gratulieren möchte, gern auch unter vier Augen beziehungsweise, nach Abschluss der allgemeinen Feierlichkeiten, unter meiner Bettdecke. Da er sich nicht blicken ließ, pflasterte ich die Wände meines kleinen Zimmers mit Postern von ihm zu. (Ich brauchte dann fast weitere dreizehn Jahre, bis ich mich endlich outete; ein Ereignis, auf das meine Mutter seit jenen Poster-Exzessen in den Mittsiebzigern so vorausahnend wie geduldig gewartet hatte.)

So, und jetzt ist Herr di Napoli in mein Wohnzimmer zurückgekehrt. Weshalb ich den Blog hiermit schließe, um mir wenigstens den ersten Teil noch reinzupfeifen, bevor morgen die Berlinale ruft. Kaum zu fassen, dass ich meinen im vergangenen Frühling so widerwillig gekauften Anzug nun doch noch mal trage. Kaum zu fassen, dass ich überhaupt einen Anzug besitze. Vor dreißig Jahren wollte ich unbedingt ein Piratenkostüm oder einen Taucheranzug.

1 Kommentar:

Der Otherlander hat gesagt…

Tja, ich hab mir nen Taucheranzug gekauft...

Viel Spaß auf der Berlinale und Danke für das Jules Verne update!