Mittwoch, 14. Februar 2007

Berlinale (3) - Die Dötzeken

Zur ersten Kurzfilm-Runde überfluteten gestern die Dötzeken den Zoopalast. Unüberschaubares Gewimmel und Gewusel, ein Meer von sicherheitsblinklichternden Jacken und Mützen, unüberhörbares Gekiekse und Gekreisch. Der Kinosaal verwandelte sich in einen einzigen Hort gespannter, erwartungsvoller Aufregung, und wenn die Dötzeken aufgeregt sind … Ich drückte mich in meinen Sitz und überlegte, was wohl passiert, wenn nur ein Viertel der kleinen Brüllwürfel während der Vorstellung beschließt, dass es ganz, ganz dringend und ganz, ganz gleich aufs Klo muss.

Hinter mir pflanzte eine Lehrerin ein zukünftig männliches Dötzeken auf zwei Rucksäcke, damit es über mich hinweg oder wenigstens an mir vorbei sehen konnte, und bereitete es schonend auf die kommenden sechzig Minuten vor: "Also, dieser große Vorhang da vorn, der wird nach oben gezogen. Und dann ist da ein Bild wie im Fernsehen, nur viel, viel größer. Es ist ganz toll. Ach ja, und vorher geht das Licht aus."

Ich habe noch nie zuvor einen Schock gehört. Eine Art tiefschwarzes, jeglichen Atems beraubtes Schweigen drückt gegen meinen Nacken. Dann ertönt ein kleines Wimmern: "Ich hab Angst im Dunkeln!"



Vorn erklimmt Thomas Heiler die Bühne vor der noch unsichtbaren Leinwand, erklärt mit breitem Grinsen, was gleich passieren wird und warum überhaupt, fragt, wer hier und heute zum ersten Mal im Kino sitzt (unzählige Arme fliegen hoch) und ich werde schrecklich nostalgisch und denke gerührt, dass in ein, zwei Minuten, sobald die Lichter erlöschen und der Vorhang sich hebt, einige der Dötzeken ihr Herz verlieren werden auf immer und ewig an die vielleicht einzige konstante Liebe ihres Lebens, das Kino.

Thomas Heiler tritt ab. Dunkelheit senkt sich über den Saal. Hinter mir ein so klägliches Fiepen, dass meine Nackenhaare sich aufstellen. Dann rauscht mitleidlos der Vorhang hoch, und los geht's. Der Berlinale-Bär leuchtet auf, zerplatzt in einem Feuerwerk und vergeht als glühender Goldregen. Tosender Applaus brandet auf. Diejenigen Dötzeken, die glauben, soeben den Hauptfilm gesehen zu haben, rüsten lautstark zum Aufbruch.

Aber sie verstummen und bleiben, denn jetzt laufen die Filme ab, vier an der Zahl, eine knappe Stunde dauert das magische Geflimmer im Dunkeln. Anteil nehmendes Seufzen rollt über den Saal, wenn's vorn auf der Leinwand einen der Guten erwischt. Erleichterter Beifall, wenn die Bösen eins auf die Mütze kriegen. Niemand muss Pipi.

Ende der Vorstellung, Lichter an. Ich blicke vorsichtig über die Schulter. Hinter mir sitzt das Dötzeken auf seinem Thron, die kleinen Hände auf den Knien, ein verklärtes Lächeln im Gesicht. Kann sein, das war's mit der Angst vor der Dunkelheit, für immer. Ich drehe mich wieder um und schließe die Augen. Muss ja keiner sehen, dass ich fast heule. Manchmal wächst einem Erwachsenen Eis ums Herz, ohne dass er es merkt, hier ein bisschen und dort ein bisschen. Man spürt es nicht wachsen, aber man merkt, wenn es taut.

Mein erster Kinofilm, ich war fünf Jahre alt, war Der Schatz im Silbersee.

Kommentare:

  1. oh ja!
    ich weiß nicht mehr, was der erste Film war... doch halt: Star Trek I !!!
    Meine Schwester hat mich mit reingeschmuggelt. War vile zu jung (Film ab 12, ich 9) hab mir fast in die Hosen gemacht. Nicht vor Angst, sondern weil ich mich nicht getraut hab aufzustehen und pinkeln zu gehen.
    Irgendwann, später dann, war ich in "Bernard und Bianca" (Mäusezeichentrick) und die sind dann in der Höhle und Bernard will an nem Abgrund vorbei und fragt Bianca, ob er es wagen soll. Da ertönt aus dem Publikum eine vollständig panische Kinderstimme "Nein, tu`s nicht!"
    So süß!

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  2. Disneys Schneewittchen. Habe eine kinobesessene Schwester, die mich immer mitgenommen hat. 5 Mark die Vorstellung. Am tiefsten beeindruckt haben mich die wiederaufgeführten Star Wars Filme - ich wollte immer Jedi-Ritter werden :) Dann habe ich Theologie studiert... as close as you can get ;)

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  3. oh, Jedi-Ritter wollt ich auch werden.
    Hab mir damals sogar selbst ein Lichtschwert gebastelt.
    Jetzt hab ich nen Taucheranzug.
    Ob man in 40 Metern Tiefe der Macht näher ist?

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  4. Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, man ist zumindest 40 m entfernt von vielem, was einen von der Macht ablenkt ;)

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