Freitag, 9. Februar 2007

Berlinale (1) - Der Anzug

Er passt nicht mehr. Ich hab zugelegt, mindestens zwei Kilo, seit ich ihn letztes Jahr kaufte, weil zu einer Preisverleihung in Los Angeles Frackzwang bestand. Schweineteuer, das Teil, und dann hab ich nicht mal den Preis gewonnen (der ging, verdientermaßen, an Per Nilsson). Nach der Rückkehr landete der Anzug, so sicher verpackt wie ein Kernbrennstab, auf der Kleiderstange. Zum gestrigen Berlinale-Empfang habe ich ihn endlich wieder rausgekramt. Die Hose ließ sich kaum zuknöpfen und die Jacke spannte ein bisschen überm Bauch. Tiefe Depression. Ein gut geschnittenes, schönes Kleidungsstück sollte seinem Träger einen Evolutionsvorteil verschaffen. Ich sah aus wie ein zum Untergang verurteilter Genpool.

Deshalb hab ich bei der Feier ganz wenig gegessen. Zuerst irgendwas Winziges, das in ein noch winzigeres Stückchen Stör gewickelt war, was mir im unmittelbaren Nachhinein entsetzliche Gewissensbisse bereitete. Womöglich war der Stör so ein armer Sklavenfisch ohne Bodenhaltung gewesen, jahrelang seines Rogens beraubt, um zuletzt, nach einer dunklen Flugreise im Bauch irgendeines Kerosin verspritzenden Airliners, auf einem vorgewärmten Teller bei der Berlinale zu landen. Ich hasse es, wenn ich moralisch oder ökologisch entgleise. Weshalb ich so in Gedanken war an Störe und russische Kaviar-Gulags, dass ich versehentlich die Nachspeise, ein Löffelchen voller Pfefferminz-Parfait, auf eine der Damen des Wachpersonals katapultierte. Sie blieb erstaunlich gelassen, aber heutzutage, wo man nie weiß, was als möglicher Terroranschlag gewertet wird, schließt man in einem solchen Moment sofort mit seinem Leben ab. Es ist kein schönes Gefühl, wenn man dann denkt, man habe in seiner letzten Stunde auf diesem schönen Planeten etwas politisch Unkorrektes gegessen. Mit Salzstangen, Erdnüsschen und Fischlis wäre das alles gar nicht erst passiert.


Es liegt in der Natur einer solchen Veranstaltung, dass dort viele Prominente herumlaufen. Aber unglücklicherweise tragen die ihre Haut tagtäglich in langweiligen Talkshows zu Markte, weshalb ihr Anblick in persona den Betrachter dann gar nicht mehr weiter zu rühren vermag. Wer, wie ich, ein schlechtes beziehungsweise gar nicht vorhandenes Namensgedächtnis hat, kann später sowieso nicht damit angeben. Nur eine einzige Frau war da, vor der ich am liebsten ehrfürchtig in die Knie gegangen wäre: Irm Hermann, für mich die faszinierendste aller Fassbinder-Ikonen. Sie trug ein raffiniert schlichtes, orangefarbenes Kleid, das ganz wunderbar mit ihren rötlichen Haaren harmonierte, und ich glaube und hoffe, es ging ihr prima, denn sie strahlte von innen heraus wie ein zuverlässiges Leuchtfeuer. Eine wunderschöne Frau, die mich leider keines Blickes würdigte. Ärgerlich. Mit dem Taucheranzug wäre mir das nicht passiert.

Kommentare:

  1. Tja, deshalb hab ich mich ja auch für den Taucheranzug entschieden :)

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  2. Du hast nicht zugenommen. Kleidung wird vom Im-Schrank-hängen automatisch kleiner! Ich beobachte dieses Phänomen schon seit Jahren ;)

    Ich weiß allerdings nicht, wie das bei Taucheranzügen ist...

    LG

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  3. Enterbt?
    Oh mann... ich wusste ja nicht...
    Oh mann...

    Übrigens: Taucheranzüge machen dünner. Quasi. Da man sie ja eng tragen sollte, quetschen sie irgendwann die Masse auf den Hüften hoch in den Brustkorb. Jugendlicher Effekt. Wie das allerdings auf ner Dinnerparty ankommt, hab ich noch nicht im Textlauf versucht...

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  4. ...ich werde nur noch Taucheranzüge tragen...

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  5. taucheranzug? der alles richtung brustkorb drückt? oooooooh nein, dann bleibt das lieber alles auf den hüften. die brust hat genug material... wie sieht das dann denn aus? ein bisschen auf die proportionen achten, meine herr- und frauschaften ;-)

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  6. na, das Brustmaterial wird dann natürlich auf die Schultern gedrückt... man(n) muss sich nur ein bisschen schütteln und winden...

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  7. soll wohl heißen, die schultern wandern richtung hals... und wenn ich recht informiert bin, endet da jeder taueranzug... also bitte, ist ja noch schlimmer... wie sieht DAS denn dann bitte aus? ;-)

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