Sonntag, 11. Februar 2007

Bahnfahren (3)

War ein langer Tag im Zoopalast. Drei Spielfilme, ein Interview, diverse Quetsch- und Schürfwunden bei dem Versuch, mir durch die hoffnungslos überfüllte Lobby einen Weg zur Herrentoilette zu bahnen, und irgendwann dazwischen ein hektisches Mittagessen bei Mövenpick, wo man mit meiner Suppe erst anrückte, als wir – die Jury – schon wieder abrücken mussten. Irgendwo am Grund der Suppenschale lag angeblich ein Mangoscheibchen; ich habe es nie erblickt. Aber ich hätte vorgewarnt sein müssen: Es bleibt nie bei einem singulären Unglück am Tag, wenn man nicht rücksichtsvoll mit dem Obst umgeht.



Bis vor einer guten Stunde dachte ich noch, für einen Menschen, der tiefes existenzielles Grauen empfinden möchte, sei es völlig ausreichend, Joseph Conrads Herz der Finsternis zu lesen oder seinen Telefonanschluss mit der Telekom umzuziehen. Es geht aber viel unkomplizierter: Man muss lediglich, nachdem man von der Berlinale abgekämpft nach Hause gekommen ist, den RBB einschalten und sich die Ausstrahlung von Die Schlager des Jahres 2006 antun. Hammer! Dort traten vorhin drei Berufsjugendliche auf, mit denen man nicht mal als bekennender Schwuler auf der einsamen Insel stranden möchte: Die Zipfelbuben.

Weit gefehlt, wer da glaubt, der Name der Band habe mit der Kopfbedeckung von Gartenzwergen zu tun. Nein, er steht vielmehr in Zusammenhang mit deren Hit Kedeng, Kedeng!, in dem es um Sexphantasien in der Deutschen Bahn geht und, zwei Refrains später, ums Ausleben derselben auf der heimischen Matratze. Mit der Aussicht auf eine Ehrenrunde endet das muntere kleine Lied, vermutlich, weil jeder der Sängerzipfel mal ran will.

Das RBB-Publikum – und dies war der Kern des Blicks in den tiefen, schwarzen Abgrund – beklatschte und bejohlte diesen verklemmten Scheiß dermaßen begeistert, als hätte es solchen Spaß zuletzt 1991 in Hoyerswerda gehabt. Rein freudianisch betrachtet, befand es sich jedenfalls in der gleichen Gemütslage. So was regt mich echt auf. Jetzt muss ich die ganze Woche, kedeng, kedeng, ans Bahnfahren und an brennende Asylbewerberheime denken. Hätten die dämlichen Mövenpicker mir rechtzeitig die Suppe serviert, wäre der ganze Tag anders verlaufen und ich wäre eventuell mit Sabine Christiansen davongekommen.



Kommentare:

  1. Zipfelbubenfrei wäre dann wohl dein Wort des Jahres ;)

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  2. Das hilft mir nicht, meine Vorurteile gegen unsere neuen Bundesländer abzubauen...
    Mein Schwiegervater hat übrigens nach Hoyerswerda einen Haken in die Wand unterm Wohnzimmerfenster gekloppt und versteckt ne Strickleiter unterm Sofa (bis heute!)... und das nach 25 Jahren in Deutschland! Wenn ich ihm von den Zipfelbuben erzähle, packt er wahrscheinlich entgültig seine Koffer und entschwindet ganzjährig gen Bosporus ;)

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  3. Das mit der Strickleiter ist nicht wahr, oder?
    Das ist doch alles nicht wahr, oder?
    Oder?????

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  4. Doch.
    Ist wahr.
    Aber ich glaube, es war Solingen, nicht Hoyerswerda - und es ist so traurig, dass wir das Lachen nicht vergessen dürfen ;)auch wenn es uns manchmal im Hals stecken bleibt.
    Fazit: Einfach kein RBB gucken!

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