Samstag, 3. Februar 2007

Bahnfahren (2)

Fast befürchtete ich, es gäbe über die nächste Bahnfahrt nichts zu berichten. Kennt man ja: Jahrelang erzählt man Freunden und Bekannten kleinere Anekdoten und größere Passionsgeschichten um die DB. Und dann nimmt man sich vor, seine Erlebnisse zu bloggen und es passiert - nichts mehr!

Aber auf die Bahn ist Verlass, und wenn nicht auf sie, dann auf die Mitreisenden. Gestern also, Strecke Berlin-Hamburg: Zwei Mitbürger mit Obdachlosenhintergrund (das ist die politisch korrekte Steigerung von Prekariat) kämpfen sich in den Waggon. Sie ein wenig füllig, er scharfe Falten im Gesicht, beide ausgerüstet mit dem kompletten Zehn-LIDL-Tüten-Hausstand. Es muss ihre erste Fahrt mit einem ICE sein, denn sie freuen sich wie ein Haufen Sextaner auf Klassenfahrt. Jedenfalls anfangs. Dann - der Zug steht noch im Hauptbahnhof - wird erste Kritik laut: Das Gepäck ist ja kaum unterzukriegen! Und guck dir mal die Fenster an, die sind doch nicht wirklich groß! Mal auf Deutsch gesagt: Die sind zu klein! Det janze Pannerahma für'n Arsch! Apropos Arsch: Das Klo ist hinter der ersten Klasse, ein einziges Klo für den ganzen Zug! Ich geh doch nicht durch die feinen Pinkel zum Pinkeln!

Unwillkürlich denke ich an Andreas Dresens Nachtgestalten und verknalle mich ein bisschen in das Paar. Der Zug setzt sich ruckend in Bewegung. Sie und er plumpsen vis-à-vis in ihre Tisch-Sitzplätze. Beide gucken aus den eben noch viel zu kleinen ICE-Fenstern auf das, was an Panorama da draußen vorbei rollt, und versinken in eine Art ehrfürchtiges Schweigen, das bis Hamburg anhalten soll. Kurz hinter Spandau nimmt er über den Tisch ihre Hände in seine. Die lässt er auch erst in Hamburg wieder los.

Am Tisch nebenan eskaliert derweil eine Zufallsbekanntschaft. Ein löwenmähniger Mittfünfziger spricht zunächst leise, dann immer lauter werdend auf eine ihm gegenüber sitzende Dame ein, die offenbar den Fehler begangen hat, ihm ihre derzeitige problematische Lebenssituation anzuvertrauen. Sie lauscht und nickt ergriffen, während er fachmännisch erklärt, was in ihrem Leben falsch gelaufen ist und wie sie das wieder hingebogen bekommt:

"Ihre Ich-Person muss von Ihrer handelnden Person lernen. Das können Sie! Momentan fehlt Ihnen da noch irgendwas in der Mitte. Aber deswegen sind Sie natürlich kein unfertiger Mensch."

Mittemäßig scheint er zu wissen, wovon er spricht, denn wenig später tönt er: "Glauben Sie mir, in meiner Haut möchten sie nicht stecken. Das möchten Sie nicht! Das wünsche ich keinem!" Ich nicke ihm zu, aufrichtig dankbar. Er registriert es nicht, wie könnte er auch: Die Welt ist für ihn ein silberner, spiegelnder Teich.

Die heutige Rückfahrt Hamburg-Berlin verläuft ruhiger. Nicht wirklich ruhig, weil ein paar HSV-Fans den Sonderzug nach Spandau verpasst haben und jetzt den ICE mit ihrem Gesang erfreuen: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin! Wir sind alle, alle Hamburger Jungs! Einer der Blauweißen lässt beim Aussteigen das Hamburger Abendblatt auf dem Sitz liegen. Schlagzeile auf der Rückseite: HUND ÜBERFAHREN -
ER LEBT!
Und als Nachsatz: Der Mischling war zu fett.

Es ist eine große, rätselhafte Welt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen