Mittwoch, 31. Januar 2007

Die Frösche

Das war noch was, als ich seinerzeit – da hatte ich wallendes Haupthaar, einen Vollbart und Ideale, die sich weder verlinken noch auf 160 Zeichen reduzieren ließen – meinen ersten Krötenzaun setzte und wochenlang Pflänzchen katalogisierte, um den drohenden Bau einer Umgehungsstraße hinauszuzögern. Gemeinsam mit anderen Vollbart- und Latzhosenträgern sonnte ich mich in dem Bewusstsein, tatkräftig einer neuen Bewegung zuzuarbeiten, die bald darauf tatsächlich das bundesdeutsche Parlament stürmte, um fürderhin nur noch Sinnvolles zu tun, woran ich mich regelmäßig stolz erinnere, wenn ich bei ALDI vor dem nur selten funktionierenden Automat für Plastikpfandflaschen stehe. Der Automat weist auf interne Defekte mit einem extra für solche Gelegenheiten an ihm angebrachten rotierenden Rotlicht hin. Auf Epileptiker wirkt sich das verheerend aus, aber das kriegen die Grünen auch noch in den Griff.

Damals wurden wir Zäunchenbauer, Orchideenzähler und gefühlte Atomaussteiger von großen Teilen der Bevölkerung noch als spinnerte Idealisten verspottet. Inzwischen ist ein Stimmungswandel eingekehrt: Nach dem Verlust des Arbeitsplatzes ist der Klimawandel die größte Sorge der Deutschen. Kein Wunder, soll Europa doch binnen der nächsten fünf bis sechs Dekaden langsam versteppen, wir mittendrin mit Sonnenschirm und Hautschutzfaktor 40 im besorgten Gesicht, und die ganze Sache vor dem offenen Kühlschrank auszusitzen wird nicht funktionieren, da niemand so richtig weiß, woher die Kühlkiste 2060 noch Strom beziehen soll.

Ein paar andere Erden-Mitbürger sorgen sich jetzt ebenfalls, nämlich die Australier, denen in spätestens sechzig Jahren ausnahmslos der Hintern abgefackelt wird – es sei denn, sie lassen selbigen von zwanzig Meter hohen Flutwellen aufs offene Meer hinaustragen, was ja auch nur anfangs Spaß macht. Geschieht ihnen recht, möchte man denken, weil die Down Unders sich einen Ministerpräsidenten leisten, der sich wie ein störrisches Kind im Sandkasten benimmt, das seine Förmchen hortet: Darauf angesprochen, doch bitte endlich das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen, verweist John Howard auf ein paar andere Energieschlampen – namentlich China und Indien –, die das schließlich auch nicht tun. Von Amerika, dessen Präsident momentan zwischen lauter umgefallenen Spielzeugsoldaten in seinem eigenen Sandkasten sitzt und, wie es scheint, den drohenden Schlamassel eher mit einem Erweckungsgottesdienst als durch Taten aufzuhalten versuchen würde, ganz zu schweigen.

Es gibt ja dieses (nur für den Betrachter) faszinierende Szenario, in dem ein Frosch in siedend heißes Wasser geworfen wird, aus dem er sofort wieder herauszuhüpfen versucht. Steckt man ihn hingegen in kaltes Wasser, das man dann langsam erhitzt, lässt der Frosch sich geduldig zu Tode kochen. (Bei der Versuchsbeschreibung ist immer nur von dem Frosch die Rede, obwohl mindestens zwei benötigt werden.)




Dieses Szenario wird regelmäßig aufgerollt, wenn es um den Klimawandel geht: Der Mensch unternimmt nichts, weil dieser bedrohliche Prozess sich, bezogen auf eine Lebensspanne, einfach zu langsam vollzieht. Aber er nickt beeindruckt, wenn man ihm die toten Frösche zeigt – jau, da müsste wirklich mal was passieren, aber unsereins sind ja die Hände gebunden, nicht wahr, und, gebundene Hand aufs Herz, wir tun doch auch echt schon genug! Wir trennen unseren Müll, zum Beispiel das Cellophan einzelstückchenweise verpackter Schokolade – merci, dass es die gibt! Wir sparen Diesel und Benzin, indem wir nur noch zwei statt drei Mal die Woche in unserem Zweitwagen zum 500 Meter entfernten Supermarkt fahren oder, was das angeht, zum Sportstudio, damit wir uns endlich mal wieder ordentlich bewegen. Wir verwenden ausschließlich Energiesparlampen zur Beleuchtung unserer Wohnungen, dann ist es nämlich weniger teuer, wenn wir so ein Teil in einem Raum anknipsen, den wir erst drei Stunden später wieder betreten, und überhaupt sollte man doch wohl erstmal die auf Profit fixierten Multis und ihre dividendengeilen Aktionäre unter Beschuss nehmen, denn eigentlich sind nur die an allem Schuld - Sankt Florian AG und wie sie alle heißen. Bis das getan ist, verlangen wir eine höhere Steuer auf Flugbenzin, damit uns keiner nachsagen kann, wir seien nicht opferbereit. In den Urlaub fahren kann man ja schließlich auch mit dem Auto.

Der methodisch-didaktische Fehler bei der Beschreibung des Froschversuchs ist der, dass die armen Tierchen jeweils erst ins Wasser geworfen werden und der Betrachter im Laborkittel von außen zuschaut, obwohl er selbst korrekterweise nackt mittendrin sitzen müsste. Der zweite Fehler ist der auf diese Weise vermittelte Eindruck einer passiven Opferrolle: Die Frösche werden geworfen, mithin wird ihnen der kleine grüne Arsch also ohne eigene Schuld abgekokelt.

Klarer Fall einer misslungenen Versuchsanordnung.

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