Donnerstag, 25. Januar 2007

Bahnfahren (1)

Knappe elf Stunden im Zug gesessen heute, und nun weiß ich nicht, worüber ich mich eher verbreiten soll: Über den selbst auferlegten und leichtsinnigen Autismus vor allem jugendlicher Mitbürger, die sich ohne permanenten Knopf im Ohr offenbar noch unwohler fühlen als ein Baby ohne Schnuller, weshalb sie auf den Angriff eines sich anschleichenden natürlichen Fressfeindes oder ähnliche evolutive Herausforderungen gar nicht mehr adäquat reagieren könnten. So einer saß neben mir.

Oder über diesen Schaffner, der so unsagbar schlecht gelaunt und dämlich war, dass ich ihm eingedenk aller zukünftig Reisenden aus schierem Altruismus die Frühverrentung wünschte. Oder über die sehr umfangreiche Frau, die mir gegenüber saß und zwar die Ohren frei hatte, sich dafür aber zwei Stunden lang ohne Unterbrechung irgendwas in ihren auffallend kleinen Mund stopfte (wirklich, ohne Lippenstift wäre der kaum auszumachen gewesen). Ich guckte sie immer mal wieder staunend an, lauschte dem Rasseln ihrer Lungen beim Luftholen zwischen den einzelnen Bissen und überlegte, ob sie's wohl ohne Herzkasper bis zum Zielbahnhof schafft.

Und während all der Zeit schmatzte sie mit ihrem kleinen Mund dermaßen, dass ich mir fast Ohrstöpsel wünschte, aber nur fast. Denn vor meinem geistigen Auge stieg da plötzlich das Bild eines durchschnittlichen Teenagers unbestimmbaren Geschlechts auf, der vollverstöpselt und fröhlich wippend über den Bahnsteig läuft, als plötzlich die umfangreiche, inzwischen tote Frau aus dem Waggon gekippt wird (von wem wohl), und ich schreie, hey, Vorsicht! und der schweißüberströmte, jetzt noch schlechter gelaunte Schaffner schreit auch irgendwas, aber natürlich hört das wippende For a Man or a Woman nicht uns, sondern nur Kurt Cobain oder Monrose, und schon liegt es unter dieser Frau begraben, verschmierten Lippenstift auf dem zuckenden Handrücken und dann auch futsch. Nur noch der von toter Hand umklammerte IPod flüstert, und ich sehe den Schaffner plötzlich böse lächeln und frage mich, warum ausgerechnet dieser Saftsack mit dem Leben davongekommen ist.

 

gnu-free--Train_wreck_at_Montparnasse_1895 
Zwei Stunden vorher:

Die inzwischen vierte Kontrolle meines Online-Tickets. Der Saftsack (bei einem Personalwechsel an Bord gespült) will die dazugehörige Bahn-Card sehen. Ist natürlich sein gutes Recht, aber wer häufig Bahn fährt, weiß, wie willkürlich solche Kontrollen ausfallen. Mal muss man das Teil mehrfach vorzeigen, mal nicht. Heute ist Mehrfach-Tag, also krame ich das Plastikkärtchen zum vierten Mal umständlich aus der Brieftasche, die ich zuvor aus der Jacke kramen muss, die ich zuvor vom Haken nehmen muss, über das neben mir kauernde androgyne Etwas hinweg, in dessen Gehörgängen sich unüberhörbar Mr. Cobain austobt.

Jetzt meutere ich ein bisschen in Richtung Schaffner.
"Müssen Sie das Ding eigentlich immer wieder angucken? Es würde doch völlig ausreichen, wenn ein Schaffner bei der Erstkontrolle verpflichtet wäre, sich die Karte anzusehen. Oder wenn Ihr Knipsdings einen entsprechenden Vermerk auf dem Fahrschein hinterließe."
"Wenn das Ihre Meinung ist."
"Das ist keine Meinung, das ist eine Frage."
"Die ist falsch."

"Meine Frage?"

"Ihre Meinung."

Mir gegenüber, ein großzügiges Stückchen Sandkuchen mit Zitronenglasur in der einen Hand, ihre Bahn-Card in der anderen, grinst leuchtenden Auges die umfangreiche Frau. Sie selber würde nie Protest äußern, denn sie ist ja seit 1985 mit Essen beschäftigt und daran gewöhnt, dass andere für Unterhaltung sorgen, Bärbel Schäfer zum Beispiel oder Arabella, die ab und zu pathologische Sandkuchenfresser in ihre Shows einladen, um sie pathologischen Sofafurzern vorzuführen. Smells like Teen Spirit.

Nee, nicht mit mir. Bahn-Card raus, den Saftsack ansonsten mit Verachtung strafen und die Umfangreiche erst wieder eines Blickes würdigen, als ihre Leiche aus dem Abteil auf den zuvor ausgestiegenen, gerade im Davonwippen begriffenen Teenager gewuchtet wird, der von alldem nix mitgekriegt hat.

So viel zur Frage, woher Autoren ihre Ideen beziehen oder Psychiater ihre Patienten.

weiß

Kommentare:

  1. Harharharhar!
    Ich war dabei. Jede Sekunde. Habe alles miterlebt. Bei jeder neuen Bahnfahrt grüßt das Murmeltier und alles geht wieder von vorne los: Sankuchen-Cobain-Handyschreien-Reservierungsterror-samt-Schaffner.
    Bei meinem Schwesterchen ist mal auf einer Fahrt die Klimaanlage ausgefallen. Letzten Sommer. Wollte sich telefonisch beschweren (auf Anraten des Schaffners) und landete bei der Bahn-Psychologin!!! Kein Witz. Da werd ich doch lieber noch von nem 2-Tonnen-Stahlträger am Hauptbahnhof erschlagen.
    Mann, mann, mann.
    :)

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  2. Ich muss mich gerade mal kurz weglachen *ggg* Herrlich!!

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